Amazon drückt sein Fire Phone zum Kampfpreis in den Markt

Nur kurz hat Amazon versucht, sein Smartphone Fire Phone zum Premiumpreis von 649 Dollar unter die Leute zu bringen. Wenige Wochen später und um die Erkenntnis reicher, dass sich das Gerät für diesen Preis nicht verkauft, setzt Jeff Bezos auf die bewährte Strategie der radikalen Subventionierung: Für einen Euro (allerdings zuzüglich Mobilfunkvertrag für zwei Jahre) drückt Bezos das Gerät nun in den Markt.

Denn eigentlich will Bezos mit dem Gerät kein Geld verdienen. Er will der Welt beibringen, wie man künftig einkauft. Das Nutella-Glas ist leer? Kurz das neue Amazon-Smartphone draufhalten, Knopf drücken, fertig. Das funktioniert bald auch mit Waschpulver, dem Ersatz für das zerbrochene Glas oder dem Kleid aus der Zeitschrift. 100 Millionen Produkte, darunter Musiktitel oder Filme, erkennt die neue Amazon-App „Firefly“ in Sekundenbruchteilen. Vier Jahre lang haben die Techniker des Konzerns an dem Gerät gearbeitet, was sich im schnelllebigen Smartphone-Geschäft sonst niemand erlaubt. Herausgekommen ist aber weniger ein Smartphone als vielmehr ein tragbares Kassenterminal, das direkt mit den Amazon-Warenhäusern verbunden ist.

Denn seine Stärken kann das Amazon Fire erst ausspielen, wenn auch die Amazon-Logistik die Produkte im selben Tempo liefern kann. Bezos’ Masterplan: Die Zustellung innerhalb weniger Stunden, auf jeden Fall aber noch am selben Tag. Um dieses Ziel zu erreichen, rüstet der ehemalige Banker seine inzwischen 69 Logistikzentren gerade mit Robotern aus, die rund um die Uhr Bestellungen abarbeiten. 10 000 dieser Roboter sollen bis zum Jahresende im Einsatz sein, hat Bezos angekündigt, der auch in diesem Punkt keine Kompromisse eingeht. Für 775 Millionen Dollar hat er den Roboterhersteller Kiva Systems gekauft, dessen Maschinen vollautomatisch durch die Lagerhallen fahren können. Menschen werden dort nur noch für das Packen der Pakete gebraucht.

Die Produkterkennungsfunktion bedeute eine echte Bedrohung für stationäre Händler, warnt Rebecca Lieb vom Marktforscher Altimeter Group. Kunden könnten sich nun Produkte im Laden anschauen und ganz einfach bei Amazon bestellen. „Der Impulseinkauf ist gerade auf einem neuen Niveau angelangt“, so Lieb.

Die Amazon-Techniker haben sich aber noch weitere Funktionen einfallen lassen. Zum Beispiel eine Technik, die Objekte räumlich anzeigt. Das klingt nach 3-D, ist es aber nicht und funktioniert auch nur, wenn der Blickwinkel, mit dem der Nutzer auf sein Gerät schaut, korrekt erfasst ist. Dafür packt Amazon gleich vier Frontkameras (plus eine normale) in das Smartphone, sie sollen das Gesicht des Besitzers permanent erfassen. Ob die neue Technik nur ein Spielzeug oder ein echter Vorteil im Wettbewerb ist, hängt von den freien Software-Entwicklern ab, die neue Apps dafür bauen.

Nicht neu, aber erstmals nutzerfreundlich eingebaut ist die Bewegungssteuerung. Wer einen Text liest und nach unten scrollen will, kann das Smartphone dafür leicht nach vorn kippen. Wie zuvor das Lesegerät Kindle verknüpft Bezos das Smartphone eng mit anderen Amazon-Diensten. Kostenlose Zugaben sind unbegrenzter Speicherplatz für Fotos in den Amazon-Rechenzentren oder ein Jahr kostenlose Lieferung aller Amazon-Produkte (Prime).

Trotz seines Rückstands auf Google oder Apple scheint es Bezos nicht eilig zu haben: „Wir sind noch in einem sehr frühen Stadium des mobilen Geschäfts. Vor fünf, sechs oder sieben Jahren haben wir über Anbieter wie Nokia oder Blackberry gesprochen. Dinge ändern sich sehr schnell auf diesem Gebiet.“

Weitere Infos zum Plattform-Index finden Sie unter www.plattform-index.com
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