Googles „Now on Tab“ könnte zum Game Changer auf dem Smartphone werden

Google wandelt sich von der Suchmaschine zur mitdenkenden Antwortmaschine. Mit der Game-Changer-Funktion „Now on Tab“ will sich der Konzern die Dominanz auf den Smartphones zurückholen.

Über Google+ wurde gar nicht gesprochen. Auch über Google Glass verlor Sundar Pichai auf der Entwicklerkonferenz I/O kein Wort mehr. Der Produktchef, der quasi die Geschäfte führt, redete in San Francisco lieber über die Themen, in denen Google gut ist. Zum Beispiel wie Google

  • das Betriebssystem für das Internet der Dinge entwickelt hat, und
  • „Machine Learning“ einsetzt, um die Herrschaft über das Smartphone zu bekommen.

„Wir haben die besten Investitionen in Machine Learning in den vergangenen Jahren gemacht. Wir beherrschen die Technik jetzt besser als alle anderen“, sagte Pichai und meinte vor allem den Kauf der britischen Firma Deepmind. Vor allem die Funktion „Now on Tab“ hat das Potenzial, zum Game Changer auf dem Smartphone zu werden und Google um Wettstreit gegen Facebook zurück ins Spiel zu bringen.

Now on Tab“ ist eine Funktion des digitalen Assistenten Google Now, die mit dem neuen Betriebssystem Android M auf die Geräte kommt. Sie liefert weiterführende Informationen zum gerade geöffneten Bildschirminhalt. Und jetzt kommt es: Das funktioniert nicht nur auf mobilen Websites, sondern erstmals auch in Apps. Bisher konnte Google nicht sehen, was die Nutzer in ihren Apps machen. Da dort aber etwa 80 Prozent der Smartphone-Nutzung (und zwar meist in den Anwendungen des Erzrivalen Facebook) stattfindet, war Google als Betriebssystemlieferant quasi der blinde Hausherr auf dem Smartphone. Das ändert sich nun. Now on Tab liegt wie ein Layer über allen Anwendungen und liefert Google die Daten, um weiterführende Informationen zur aktuellen Nutzung bereit zu halten.  Zum Beispiel Informationen zum Film, über den der Nutzer gerade in einem Messenger mit seiner Freundin spricht. Allerdings scannt Google nicht alles mit, was die Nutzer auf den Smartphones tun. Nur wenn der Nutzer den Home-Button länger drückt, wird der Bildschirminhalt gescannt und die passende Info eingeblendet. (Mehr im Google-Blog)

„Now on Tab“ als zweites großes Geschäftsmodell nach der Suche

Google kommt damit seiner ursprünglichen Mission, den Menschen die Informationen der Welt zur Verfügung zu stellen, auch auf dem Smartphone wieder näher. Dass der Konzern damit natürlich auch viel mehr über das Verhalten der Nutzer erfährt und Werbung besser zuschneiden kann, ist der wichtige geschäftliche Aspekt dieser Neuerung. Der Weg zu Einblendungen wie: „Wollen Sie jetzt zwei Tickets in ihrem Lieblingskino für die Vorstellung heute um 20 Uhr kaufen“ ist dann nicht mehr weit. Sie könnten Google zurück ins Spiel um den schnell wachsenden mobilen Werbemarkt holen, auf dem Facebook inzwischen das bessere Modell hat.

Die neue Google-Werbung würde bestens zum Kontext passen und nicht mehr von der Suche abhängig sein. Dank Machine Learning würde Google vorher wissen, was der Nutzer jetzt suchen könnte, und schlägt ihm das passende Resultat gleich mundgerecht vor. Dass Google dabei auch den Weg zur Transaktion verkürzt und mit der ebenfalls vorgestellten Bezahlfunktion Android Pay nochmals vereinfacht, passt ins Konzept der Wandlung von der Suchmaschine (die Google auf dem Desktop war und ist) zur mitdenkenden Antwortmaschine, die Google auf Smartphones sein will. Darüber hat schon Eric Schmidt vor Jahren gesprochen, aber nun scheint Google erst an dem Punkt angekommen zu sein. Konkurrenten (die das nicht können) und Datenschützer (die das nicht nicht verhindern können) werden es hassen, die Nutzer aber wohl lieben. Google folgt einfach dem Ansatz, mit dem die Amerikaner schon immer im Netz Erfolg hatten: Mache das Leben deiner Nutzer einfacher.

Now on Tab

In einer Entwicklersession zeigte Google dann auch, wie einfach das Bezahlen mit Android Pay werden kann. In einer Kooperation mit McDonald’s testet der Konzern gerade das Bezahlen ganz ohne Kreditkarte, Pin-Nummer oder Unterschrift. „Handsfree“ heißt die Initiative. Der Kunde muss lediglich „I pay with Google“ sagen – und der Betrag wird abgebucht. Mit Hilfe von Machine Learning habe Google die Fehlerquote bei der Spracherkennung seit 2013 von 23 auf 8 Prozent reduziert, sagte Pichai.

Googles Maschinen schaffen Ordnung in den Fotos

Das zweite große Einsatzfeld von Machine Learning ist die neue Foto-App. Google Fotos übernimmt die mühselige Aufgabe des Verschlagwortens, erkennt automatisch Freunde, Familienmitglieder und sortiert Urlaubsfotos. Da Google den Nutzern gleichzeitig unbegrenzten Speicherplatz gibt, werden nun Milliarden Fotos in die Google-Cloud hochgeladen – was den Google-Computern noch mehr Daten gibt, besser zu werden. (Diese Aktion hat gleich zwei wichtige Nebenaspekte: Google Foto unabhängig anzubieten, besiegelt das endgültige Ende von Google+. Und das Ende der Cloud-Anbieter, die glaubten, für Speicherplatz Geld verlangen zu können)

Googles Ansatz für das Internet der Dinge: Brillo und Weave

Neben den Machine Learning waren Googles Ambitionen für das Internet der Dinge bemerkenswert. Dafür hat das Unternehmen das Betriebssystem Brillo und das Kommunikationsprotokoll Weave vorstellt.

„Das ist der Beginn einer Reise für uns. So wie wir es mit Android auf den Smartphones gemacht haben, tun wir es nun für das gesamte Ökosystem“, kündigte Pichai an. Soll heißen: Google plant, künftig nicht nur 80 Prozent der Smartphones, sondern aller vernetzten Geräte mit seinem Betriebssystem auszustatten und ans Internet anzuschließen. Ob Google den Erfolg auf Smartphones auch in Autos, Staubsaugern oder sogar Industrierobotern wiederholen kann, ist aber offen. Android Auto jedenfalls zeigte gegenüber dem Vorjahr keine wesentlichen Verbesserungen. „Wir haben uns darauf konzentriert, mehr Hersteller anzubinden“, sagte ein Google-Manager. Zum Beispiel Volkswagen mit allen Modellen, die 2016 auf den Markt kommen. Das Plattformmodell, das im Web so gut für die Plattformanbieter funktioniert, soll also nun auf alle elektronischen Geräte ausgedehnt werden. Mit Brillo und Weave hat Google nun die Instrumente bereitgestellt. So wie 2008 mit Android. Das Ergebnis ist bekannt.

Was es auf der I/O sonst noch gab:

  • Die nächste Milliarde: Google bringt mit Android One weiter günstige Smartphone in die Entwicklungsländer und schafft mit dem Moonshot-Projekt Loon die Möglichkeit, überall ins Internet zu kommen.
  • Die VR-Brille Cardboard soll nun vermehrt in Schulen eingesetzt werden. Zusammen mit dem VR-Projekt „Jump“ will Google die Möglichkeit schaffen, VR-Inhalte günstig zu produzieren und vielen Menschen zu erschwinglichen Preisen zugänglich zu machen. Wie sagte ein Google-Manager: „Virtual Reality ist super. Du willst gar nicht mehr in die Wirklichkeit zurück“.
  • Bei der Wearables wurden nur einige kleinere Funktionen vorgestellt und neue Uhren angekündigt. Interessant ist noch das Projekt Jacquard. Dabei werden quasi kleine Touchpads in Stoffe eingewebt, um die Steuerung des Gerätes über den Stoff zu ermöglichen.
  • Neue Geräte wurden nicht präsentiert. Lediglich der Hinweis auf USB-C lässt erahnen, dass die nächste Generation der Nexus-Geräte mit diesem Anschluss kommen wird.

Noch ein Zusatz: Diese Grafik von Morgan Stanley zeigt, die sich das Wachstum der Online-Werbung (also zusätzliche Werbedollars) auf Google, Facebook und Twitter in den USA verteilt. In den vergangenen beiden Jahren ist das Wachstum fast komplett in mobile Werbung geflossen, woran Facebook einen stetig steigenden Anteil bekommen hat.

Google vs Facebook

 

Weitere Infos zum Plattform-Index finden Sie unter www.plattform-index.com
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