Generative KI wird zum Standard in Großkanzleien

Generative KI wird zum Standard im Rechtswesen. Aber nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zur Qualitätssicherung, Produktivitätssteigerung und Wettbewerbsdifferenzierung. Wer ihn beherrscht, verschafft sich einen entscheidenden Vorteil.

In internationalen Großkanzleien zeichnet sich ein fundamentaler Wandel ab. Seit der Veröffentlichung von ChatGPT Ende 2022 ist die juristische Welt in Bewegung geraten. Spätestens 2025 wird deutlich: Die Technologie hat nicht nur das Potenzial, Arbeitsprozesse zu verändern, sie wird bereits eingesetzt – systematisch, strategisch und mit steigender Verbindlichkeit. Innerhalb weniger Quartale hat sich der Anteil der Kanzleien, die generative KI im operativen Alltag verwenden, vervielfacht. Vor allem in den USA und Großbritannien treiben die größten Sozietäten die Umsetzung voran. In Deutschland beginnt die Entwicklung etwas zögerlicher, doch auch sind vor allem die großen Kanzleien auf den Zug aufgesprungen.

Der Einsatz generativer KI kann Arbeitsprozesse beschleunigen, repetitive Tätigkeiten automatisieren und gleichzeitig die Qualität juristischer Analysen verbessern – sofern die Technologie verantwortungsvoll genutzt wird. Interne Berechnungen großer Kanzleien zeigen, dass durch den Einsatz generativer KI pro Juristin oder Jurist bis zu vier Stunden Arbeitszeit pro Woche eingespart werden können. Hochgerechnet auf das Jahr ergibt sich ein zusätzlicher fakturierbarer Wert von mehr als 100.000 Dollar pro Person. Für Kanzleien, die auf Skaleneffekte angewiesen sind, bedeutet das einen erheblichen wirtschaftlichen Vorteil. Die Branche ist sich einig: Wer jetzt nicht in KI investiert, riskiert mittelfristig den Verlust an Wettbewerbsfähigkeit.

Einsatzfelder: Von der Vertragsprüfung bis zur Schriftsatzerstellung

Die Anwendungen generativer KI in Kanzleien reichen weit über einzelne Tools hinaus. Inzwischen umfasst das Spektrum nahezu alle Tätigkeitsfelder der juristischen Wertschöpfung: von der Due-Diligence-Prüfung im Rahmen von Transaktionen über die Erstellung und Prüfung von Verträgen bis hin zur automatisierten Recherche und zur Risikoanalyse bei komplexen Compliance-Fragen. Besonders häufig wird KI derzeit für die Durchsicht und Analyse großer Dokumentenmengen genutzt – etwa in Massenverfahren, bei Unternehmenszukäufen oder bei der systematischen Prüfung von Standardverträgen.

Sprachorientierte KI-Assistenten, die auf großen Sprachmodellen basieren, übernehmen heute die ersten Entwürfe für Schriftsätze, erstellen Zusammenfassungen juristischer Fachtexte oder beantworten interne Anfragen zur aktuellen Rechtslage. In vielen Kanzleien wird auch das juristische Wissensmanagement zunehmend durch KI gestützt: Inhalte aus früheren Verfahren oder Gutachten werden aufbereitet, verschlagwortet und bei Bedarf automatisch zugänglich gemacht. Kanzleien wie Allen & Overy, DLA Piper oder Ropes & Gray haben bereits entsprechende Systeme im Regelbetrieb.

Auch administrative Aufgaben lassen sich mithilfe von KI effizienter gestalten. Microsoft Copilot, bei DLA Piper konzernweit im Einsatz, unterstützt Anwältinnen und Anwälte beim Verfassen von Memos, beim Erstellen von Tabellen und Folien sowie bei der Vorbereitung interner Präsentationen. Die Effizienzgewinne sind erheblich. Besonders jüngere Juristinnen und Juristen berichten davon, dass sie durch den Einsatz generativer KI deutlich mehr Zeit für strategisch anspruchsvolle Aufgaben gewinnen, ohne dass dabei die Qualität leidet. Immer mehr Kanzleien nutzen diese Entlastung bewusst, um ihre Associates frühzeitig an komplexere Fragestellungen heranzuführen.

Regionale Unterschiede: USA und UK voran, Deutschland im Aufbruch

Während angloamerikanische Kanzleien bei der Integration generativer KI inzwischen von einem operativen Reifegrad sprechen, befinden sich deutsche Sozietäten vielerorts noch in der Erprobungsphase. In den USA haben sich führende Kanzleien wie Gibson Dunn, Morgan Lewis oder Sidley Austin bereits auf umfassende interne Prozesse verständigt, um neue Tools sicher, kontrolliert und mandantenorientiert einzuführen. Dazu gehören standardisierte Evaluationsverfahren, strenge Sicherheitsprüfungen und systematische Schulungen für alle Mitarbeitenden. In Großbritannien profitieren Kanzleien zudem von einem vergleichsweise liberalen regulatorischen Umfeld, das Investitionen in Legal-Tech-Infrastruktur sowie Kooperationen mit spezialisierten Anbietern erleichtert.

In Deutschland hingegen stellt das komplexe Zusammenspiel aus Datenschutzrecht, Berufsrecht und regulatorischen Unsicherheiten weiterhin eine Einstiegshürde dar. Zwar nutzen inzwischen auch deutsche Großkanzleien KI-gestützte Anwendungen, insbesondere in der Vertragsprüfung, im Dokumentenmanagement und in der Massenklagebearbeitung. Hinzu kommt, dass viele Mandanten zwar den KI-Einsatz fordern, um die Kosten zu senken, aber gleichzeitig strenge Anforderungen an Datenschutz und Systemarchitektur stellen. Kanzleien müssen daher häufig eigene Infrastrukturen aufbauen oder sich auf Closed-Loop-Systeme mit garantierter Datenhoheit beschränken.

Veränderung des Geschäftsmodells: Zwischen Billable Hour und Value Pricing

Der zunehmende Einsatz generativer KI stellt auch das ökonomische Fundament vieler Kanzleien infrage. Das traditionelle Modell der Stundenhonorare kommt unter Druck, wenn Aufgaben in einem Bruchteil der Zeit erledigt werden können. Zwar gehen viele Sozietäten derzeit davon aus, dass die gewonnene Zeit anderweitig produktiv genutzt werden kann – etwa für zusätzliche Mandate oder vertiefende Beratung. Doch langfristig wird die Frage nicht zu vermeiden sein, wie juristische Leistung in einem KI-gestützten Markt bewertet werden soll.

Einige Kanzleien experimentieren bereits mit alternativen Vergütungsmodellen, die stärker auf Ergebnis, Effizienz oder Risikoteilung ausgerichtet sind. Erste standardisierbare Leistungen wie etwa Vertragsanalysen, Due-Diligence-Berichte oder initiale Rechtsgutachten lassen sich in Teilen automatisieren und zu Festpreisen anbieten. Für individuelle, hochspezialisierte Mandate bleibt hingegen das Stundenhonorar oft die sinnvollste Lösung. Der entscheidende Unterschied liegt in der Differenzierung: Mandanten erwarten zunehmend Transparenz darüber, wie viel menschliche Expertise und wie viel Automatisierung in einer Leistung steckt.

Herausforderungen: Halluzinationen, Haftungsfragen, regulatorische Grauzonen

So groß die Möglichkeiten generativer KI sind – die Risiken sind ebenso real. Die bekannteste Gefahr: Halluzinationen. Sprachmodelle erzeugen mitunter Inhalte, die auf den ersten Blick plausibel wirken, aber inhaltlich falsch oder sogar frei erfunden sind. Für juristische Anwendungen ist das ein erhebliches Problem. Schon ein einzelner fehlerhafter Satz in einem Schriftsatz kann weitreichende Konsequenzen haben.

Aus diesem Grund führen alle großen Kanzleien umfassende Kontroll- und Prüfverfahren ein. KI-Ausgaben gelten grundsätzlich nur als Arbeitsentwurf. Eine menschliche Prüfung ist obligatorisch. Einige Kanzleien haben dafür eigene Governance-Strukturen eingerichtet: Technologieteams, interne Compliance-Beauftragte oder KI-Gremien, die neue Anwendungen freigeben oder zurückziehen können. Zusätzlich arbeiten viele Sozietäten mit geschlossenen Systemen, bei denen sichergestellt ist, dass keine Daten an Dritte übermittelt werden. Datensicherheit und Mandantenschutz haben oberste Priorität.

Auch die regulatorischen Rahmenbedingungen entwickeln sich weiter. Während in den USA und Großbritannien bislang eher Prinzipien als konkrete Regeln dominieren, bringt der europäische AI Act strengere Anforderungen. Für Kanzleien bedeutet das unter anderem, dass sie dokumentieren müssen, welche Tools wie eingesetzt wurden, wie die Datenflüsse verlaufen und welche Maßnahmen zur Qualitätssicherung getroffen wurden. Diese Anforderungen gelten nicht nur für selbst entwickelte Systeme, sondern auch für den Einsatz kommerzieller Produkte.

Talente und Ausbildung: Eine neue Generation von Juristinnen und Juristen

Mit der Einführung generativer KI verändert sich nicht nur die Kanzleipraxis, sondern auch das Berufsbild wandelt sich. Der Nachwuchs wird künftig anders ausgebildet, bewertet und eingesetzt. Während früher das Aktenstudium im Vordergrund stand, gewinnen heute Fähigkeiten im Umgang mit KI-Tools, bei der Prompt-Erstellung und in der digitalen Recherche zunehmend an Bedeutung. Einige Kanzleien haben bereits strukturierte Trainingsprogramme für junge Juristinnen und Juristen eingeführt. In den USA, Großbritannien und zunehmend auch in Deutschland gehören Weiterbildungen in Legal Tech inzwischen zum Standardangebot.

Zugleich entstehen neue Rollen in den Kanzleien: Legal Engineers, KI-Koordinatoren oder Innovation Officers. Diese Fachkräfte verbinden juristisches Verständnis mit technischem Know-how und helfen, neue Systeme effizient in den Kanzleialltag zu integrieren. Der Markt für solche Profile ist im Aufbau – entsprechend groß ist der Wettbewerb um Talente. Kanzleien, die frühzeitig in Ausbildung und Weiterbildung investieren, sichern sich nicht nur technologische Kompetenz, sondern stärken auch ihre Arbeitgebermarke.