Nachfrage nach KI-Kompetenz wächst gegen den Trend

Obwohl viele Unternehmen mit Einstellungen zögern, legt der Anteil der Stellenanzeigen, die KI-Fähigkeiten voraussetzen, zu. Das Wachstum verschiebt sich von Techjobs auf Personalwesen, Marketing und Finanzen.

Deutschlands Wirtschaft geht ins vierte Jahr der Stagnation. Entsprechend halten sich immer mehr Unternehmen mit Neueinstellungen zurück. Eine gute Nachricht für Arbeitssuchende gibt es aber doch: Wer KI-Fähigkeiten mitbringt und sie am besten noch mit Fachkenntnissen kombinieren kann, hat auf dem Arbeitsmarkt sehr gute Chancen. In vielen Branchen hat sich der Anteil der Stellenausschreibungen, in denen KI-Fähigkeiten gefordert werden, in diesem Jahr verdoppelt. Zusätzlich gefragt sind aber weniger die Modellentwickler und Coder, sondern die Menschen, die KI in ihren Berufen effektiv einsetzen, Prozesse in Richtung der KI-Agenten anpassen und die Qualität der KI-Leistungen beurteilen können, zeigt eine Untersuchung der Jobbörse Indeed für Deutschland.

Unternehmen gehen in eine neue Phase über

Am sichtbarsten bleibt KI dort, wo sie herkommt: im Techbereich. In der Kategorie „Data und Analytics“ wird KI in 34,4 Prozent der Stellenanzeigen erwähnt, in der Softwareentwicklung sind es 20,8 Prozent. Das sind weiterhin die höchsten Konzentrationen im Markt. Doch das Wachstum verschiebt sich: Vor allem in kaufmännischen Berufsgruppen hat sich der KI-Anteil in Stellenanzeigen in diesem Jahr mehr als verdoppelt. Denn nach zwei Jahren mit Pilotprojekten und Tests rollen die Unternehmen die KI nun breit aus und brauchen daher neues Personal.

Besonders stark legte das Personalwesen mit einem Wachstum von 138,7 Prozent zu. Inzwischen werden in fast jeder zwölften Stellenausschreibung in dieser Branche KI-Kenntnisse verlangt. Im Marketing liegt der Anteil nach einem ebenfalls dreistelligen Wachstum bei 15,6 Prozent. Im Projektmanagement signalisiert ein Plus von 117,1 Prozent den Trend zur KI-gestützten Standardisierung der Projektsteuerung; der Anteil liegt bei 7,0 Prozent.

Die zweite Verschiebung betrifft Branchen, die traditionell nicht als KI-Vorreiter gelten. Im Bank- und Finanzwesen hat sich die Nachfrage nach KI-Kompetenzen innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt. 6,6 Prozent der Stellen in dieser Gruppe weisen inzwischen einen KI-Bezug auf. Im Kundenservice stieg der Anteil um 99 Prozent auf 4,3 Prozent. Selbst in der Buchhaltung gewinnt das Thema an Fahrt, mit einem Plus von 74,5 Prozent, wenn auch von einem noch niedrigen Niveau von 2,8 Prozent.

„Künstliche Intelligenz transformiert die Anforderungen an Jobsuchende in diesen Bereichen. Nach drei Jahren Stagnation stehen Unternehmen unter hohem Transformationsdruck und reduzieren ihre Ausgaben“, erklärt Virginia Sondergeld, Arbeitsmarktökonomin bei Indeed. „Wenn sie Neueinstellungen planen, suchen sie nach Mitarbeitern, die Effizienz und Produktivität durch KI steigern können. Kompetenzen im Umgang mit den entsprechenden Tools werden daher zunehmend vorausgesetzt.“

Allerdings reichen KI-Fähigkeiten in den seltensten Fällen als alleinige Qualifikation aus. In den meisten Berufen kann Künstliche Intelligenz die benötigten Kernkompetenzen heute bislang nicht vollständig ersetzen. Entscheidend sind daher weiterhin relevante Erfahrung und Fachkenntnisse. Nur, wenn Kandidaten diese Voraussetzungen erfüllen, können sie auch ihre KI-Kenntnisse gewinnbringend einsetzen, sagt Sondergeld.

Marketing und Personalwesen wachsen schneller als die Techniknische

Für den Arbeitsmarkt ist das mehr als eine statistische Verschiebung. Es ist ein Hinweis auf das, was Unternehmen tatsächlich suchen: weniger reine Modell- und Codekompetenz, mehr Fähigkeit zur Integration, Steuerung, Prozessanpassung und Qualitätskontrolle. KI wird zur Infrastrukturentscheidung, nicht zum Experiment. Das verändert Stellenanzeigen, zuerst in der Sprache und später in den Stellenprofilen.

Diese Muster passen zu einem ökonomischen Grundmechanismus: KI rechnet sich dort zuerst, wo es viele standardisierbare Arbeitsschritte gibt, wo Qualität messbar ist und wo Durchlaufzeiten Kosten treiben. Banken, Serviceeinheiten und Buchhaltung sind deshalb keine Randnotiz, sondern ein Frühindikator. Sobald KI-Systeme Routinefälle vorsortieren, Texte vorformulieren oder Abweichungen markieren, steigt der Wert jener Beschäftigten, die Ausnahmen managen, Ergebnisse bewerten und Entscheidungen verantworten.

Gerade deshalb ist die beobachtete Entwicklung keine reine Automatisierungsgeschichte. Sie zeigt einen Umbau von Aufgabenbündeln. Die Stellenanzeige sucht nicht „die KI“, sondern Personen, die mit KI arbeiten, sie in Prozesse einbetten und sie kontrollieren können. Der Arbeitsmarkt fragt damit nach einer Kombination aus Domänenwissen, Prozessverständnis und Tool-Kompetenz.

Bemerkenswert ist der Trend im Kontext der allgemeinen Marktlage. In vielen Bürojobs geht das Stellenangebot seit 2022 zurück. Gleichzeitig wachsen KI-Anforderungen dort mit dreistelligen Raten. Die Indeed-Arbeitsmarktforscher beschreiben eine Entkopplung: Der Gesamtmarkt schrumpft, der KI-Markt wächst. In Präsenzberufen wie dem Baugewerbe ist das Muster häufig umgekehrt: die Stellenausschreibungen nehmen zu, die Kompetenzanforderungen verändern sich langsamer.

Entkopplung als Signal: Der Gesamtmarkt schrumpft, der KI-Markt wächst

Ökonomisch ist diese Entkopplung plausibel. In einer Phase schwacher Konjunktur und hohen Kostendrucks werden Einstellungen nicht breit hochgefahren, sondern selektiv. Unternehmen ersetzen keine Belegschaft „durch KI“, sie ersetzen Teile von Routinen, straffen Prozesse und stellen gezielt für neue Schnittstellen ein: Implementierung, Governance, Datenqualität, Training, Prompt- und Workflow-Design, Risikokontrolle, Change-Management. Genau diese selektive Logik erzeugt steigende KI-Anteile in Stellenanzeigen trotz sinkender Gesamtzahlen.

Diese Transformation des Arbeitsmarktes wird sich im kommenden Jahr weiter intensivieren: KI etabliert sich zunehmend über die reine Tech-Nische hinaus und erreicht die Breite der Wissensberufe. Der Fokus verschiebt sich von der Programmierung hin zur Anwendung von KI im Arbeitsalltag. Routineaufgaben werden automatisiert, während strategisches Entscheiden, Kontrolle und menschliches Urteilsvermögen zur Bewertung von KI-Ergebnissen an Bedeutung gewinnen. „Arbeitnehmer können diesen Wandel als Chance nutzen: Wer KI-Tools beherrscht, kann sich vom negativen Trend am Stellenmarkt abkoppeln. Wer diese Entwicklung ignoriert, wird es in dem ohnehin enger werdenden Markt für Wissensarbeit zunehmend schwerer haben“, sagt Sondergeld.

Im Ergebnis sind KI-Stellenanzeigen weniger ein Indikator für einen separaten „KI-Arbeitsmarkt“ als für den Umbau vieler Berufe. Der Anteil von 3,5 Prozent ist kein Endzustand, sondern der Beginn einer Phase, in der sich KI-Anforderungen in den Textbausteinen der Rekrutierung normalisieren.

Deutschland verliert trotz des Wachstums den Anschluss

Deutschland platziert sich im internationalen Vergleich mit einem KI-Anteil von 3,5 Prozent an den Stellenanzeigen im Mittelfeld. Frankreich liegt mit 3,1 Prozent darunter, während Großbritannien nach hohen Zuwächsen in den vergangenen zwei Jahren an Deutschland vorbeigezogen ist und mittlerweile bei 6,1 Prozent steht. „Spannend ist der Vergleich mit den USA: Bis zum Herbst lagen wir mit den Vereinigten Staaten (heute vier Prozent) noch fast gleichauf. Doch seither driften beide Länder auseinander. So ist der Anteil in Deutschland zwar exponentiell angestiegen – wir sprechen von einem Plus von rund 50 Prozent im Jahr 2025 –, doch in den USA verlief diese Entwicklung zuletzt noch steiler. Deutschland darf hier den Anschluss nicht verlieren“, warnt Sondergeld. Diese Zahlen zeigen ebenso wie andere Indikatoren, dass Länder wie die USA und Großbritannien die KI aktuell schneller ausrollen.