Energieversorger fallen im Wettbewerb um das Smart Home zurück

Tech-Firmen wie Googles Nest oder Tado wollen das Smart Home besetzen und den Energieversorgern vor allem den Kundenkontakt abjagen. Die Versorger kontern mit eigenen Angeboten, aber in Deutschland bisher nur mit wenig Erfolg.

„In wenigen Jahren werden die Verbraucher den Namen ihres Energieversorgers vergessen haben“, sagt Christian Deilmann, der CEO des Smart-Home-Anbieter Tado, voraus. Dann werden Unternehmen wie Tado oder die Google-Tochter Nest mit ihren intelligenten Thermostaten für die Wärme im Haus sorgen. Welcher klassische Versorger im Hintergrund noch Strom oder Gas tatsächlich liefert, sei dem Kunden dann egal. Die Kundenbeziehung wollen dann die Tech-Unternehmen übernehmen, die das bessere „Frontend“ bauen können.

Smart-Home-Besitzer

Apps der Energieversorger werden kaum genutzt

Soweit das Szenario, das sich auf viele klassische Branchen übertragen lässt. Die Techs picken sich die Rosinen (= Kundenkontakt) heraus, überlassen den margenarmen Teil der Wertschöpfung dann aber doch lieber den etablierten Anbietern. Diese möchten dagegenhalten und versuchen, ihre Kunden enger an sich zu binden. Also haben die Energieriesen zumindest eigene Apps entwickelt, um nicht nur einmal im Jahr beim Bezahlen der Stromrechnung (oft mit einer Nachzahlung verbunden) im Mindset des Kunden zu sein. Doch allzu weit sind die deutschen Versorger Eon, RWE, Vattenfall und EnBW bisher nicht gekommen. Zwar haben 12 Prozent der Nutzer von Smartphones und/oder Tablets in Deutschland eine App ihres Stromanbieters auf ihren Geräten installiert, aber zwei Drittel nutzen sie höchstens einmal im Monat, zeigt eine Repräsentativumfrage von Steria Mummert Consulting.

Das eigentliche Ziel eines intensiveren Kundenkontakts haben die deutschen Versorger also bisher nicht erreicht. Dabei äußern die Verbraucher durchaus klare Wünsche. Eine einfache Erfassung des Zählerstands und die Übertragung an den Versorger oder Tarifinformationen stehen oben auf der Liste. Sollten in Zukunft die Stromnetze wirklich einmal intelligent werden, sind viele weitere Anwendungen wie eine schlaue Verbrauchssteuerung denkbar, die sich an den steigenden Schwankungen der regenerativen Stromproduktion orientiert.

Ausländische Versorger wie British Gas oder Nuon in den Niederlanden sind auf diesem Weg schon wesentlich weiter. Bristish Gas hat schon mehr als eine Million Kunden, die ihre App regelmäßig nutzen. Das mag auch am neuen Konkurrenten Nest liegen, der seine europäische Expansion auf der Insel gestartet hat und sein Gerät dort im Bündel mit einem 24-Monatsvertrag für Gas anbietet. Interessant dürfte auch der Einstieg von Apple in diesen Markt sein. Dessen „Über-App“ Home Kit ist als Schaltzentrale für das smarte Haus konzipiert, die viele Steuerungsdienste in einer Anwendung bündelt. Apple hat den Vorteil, genau die Zielgruppe zu treffen, die auch bereit ist, viel Geld in die Ausstattung seines Smart Homes zu stecken.

Da ein Thermostat aber nun mal kein Lifestyle-Produkt ist und schwieriger als eine App zu installieren ist, dreht sich dieser Markt deutlich langsamer als Consumer-Electronics. Abgesehen von der Verpflichtung, intelligente Stromzähler in Neubauten zu installieren, ist der Anreiz für die neue Technik bei den aktuellen Energiepreisen offenbar im Moment noch nicht groß genug. Denn die Senkung der Energierechnung ist eindeutig das wichtigste Motiv der Verbraucher für eine Smart-Home-Lösung, wie eine Umfrage ergeben hat.

In einem Vortrag bei einem europäischen Energieversorger habe ich die Strategien der Tech-Unternehmen beim Eintritt in den Energiemarkt skizziert. Die Techs gehen gezielt auf die Wünsche der Energiekunden wie geringere Energiekosten, einfache Bedienung und schönes Design ein. Vor allem die Google-Tochter Nest ist bereit, viel Geld in die Erschließung neuer Märkte zu investieren und trifft dabei auf Versorger, die sich nach der Energiewende ernsthaft um die Kunden kümmern müssen, aber erstmals mit sinkenden Budgets auskommen müssen, also wenig Erfahrung und vergleichsweise wenig Geld aufweisen. Dennoch ist die Position der EVU im Wettbewerb um den digitalisierten Stromkunden nicht schlecht, da die Verbraucher vor allem ihnen zutrauen, das Haus zu vernetzen.

1 Antwort
  1. Peter Richter sagte:

    Das ist das Dilemma des Smarthome! Erst versucht man es 15 Jahre mit dem Kühlschrank und jetzt mit der Heizung. Sie haben es doch selbst erkannt, disruptive Ideen müssen billiger sein. Das ist weder das eine noch das andere. Man spart mit Nachtabsenkung nichts und wenn doch, dann hat man hinsichtlich der Bausubstanz ganz andere Probleme als Smarthomelösungen zu installieren! Ein besserer Ansatz ist, komplizierte Anforderungen in Software zu verwandeln:
    Bsp. (mach ich grad):
    Flurbeleuchtung bewegungsgesteuert in jeder Etage extra, aber zwischen 6 und 22 Uhr schaltet eine helle Lampe und sonst eine Orientierungsleuchte. Das kostet „analog“ etwa 200€ und mit Fibaro die Hälfte. Dazu kann man noch die Programmierung verfeinern mit anderen Parametern.
    Bsp. 2 Samsung Waschmaschine:
    Samsung nimmt eine 400€ Waschmaschine und baut ein Touchscreen und WLAN rein und sagt: „Hey, jetzt 2000€, weil vernetzt“
    Die Lösung: Ich nehme die 400€ Waschmaschine, werfe alle Bedienelemente und Steuerungen raus, setzte NFC ein und bediene die Waschmaschine schlicht nur mit dem Smartphone und dann kostet die Maschine 350€.

    Die intelligente Heizungssteuerung ist in einer Zeit der Flächenheizung kein Business!

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