Plattformen in der Industrie: Warten auf den Tesla-Moment

Plattformen haben die Konsumentenmärkte im Sturm erobert; ihre Protagonisten sind zu digitalen Superstars gereift. Ihre Erfolgsfaktoren, die Interaktionen anderer Akteure zu ermöglichen, Netzwerkeffekte zu etablieren, Ökosysteme zu bauen und mit inversen Strategie die Werte von außen ins Unternehmen zu holen, gelten für B2B-Unternehmen nicht weniger, sondern mehr.

Die deutsche Autoindustrie hatte ihren Tesla-Moment im April 2016. Innerhalb einer Woche nach der Vorstellung des Model 3 hatten 325.000 Menschen das neue Elektroauto vorbestellt – ohne zu wissen, wie sich der Wagen fährt, ob Elon Musk dieses Mal pünktlich liefern wird und mit der Gewissheit, mindestens 20 Monate auf das Fahrzeug warten zu müssen. Durch die deutsche Autoindustrie lief damals eine Schockwelle, die den größen Investitionsschub auslöste, den die Branche je gesehen hat. Das Lachen über die Spaltmaße, das Witzeln für Teslas Verluste, das routinierte Weglächeln des Klimawandels – all das ist längst verschwunden. Eine Branche hatte ihren Meister gefunden und eifert ihm seither nach – mit allem, was sie hat. Es brauchte also diesen einen Tesla-Moment, um in Schwung zu kommen.

Vielleicht braucht es einen solchen Moment auch im Rest der Industrie, im Maschinen- und Anlagenbau, vor allem im Mittelstand. Hier steht sogar mehr auf dem Spiel. Denn es geht nicht nur um ein revolutionäres Produkt, sondern um ein Geschäftsmodell, das alle Branchen verändern wird: Die Plattformen, die Kooperationen und Netzwerkeffekte statt Markteintrittsbarrieren und Skaleneffekte ins Zentrum ihres ökonomischen Denkens stellen.

Plattformen haben die Konsumentenmärkte im Sturm erobert; ihre Protagonisten sind zu digitalen Superstars gereift. Ihre Erfolgsfaktoren, die Interaktionen anderer Akteure zu ermöglichen, Netzwerkeffekte zu etablieren, Ökosysteme zu bauen und mit inversen Strategie die Werte von außen ins Unternehmen zu holen, gelten für B2B-Unternehmen nicht weniger, sondern mehr. Denn zu den Transaktionsplattformen für Einkauf und Vertrieb kommen in der B2B-Welt die Plattformen für das Internet der Dinge und die Daten hinzu. Intelligente Services lassen sich gemeinsam besser entwickeln und digitale Geschäftsmodelle werden dann besonders spannend, wenn Daten aus verschiedenen Quellen kombinert und analysiert werden.

Aber wie die Händler vor 15 Jahren die Überlegenheit des Amazon-Modells nicht verstehen wollten, schaut der Großteil der Industrie heute wieder zu, wie die amerikanischen Hyperscaler die IOT-Plattformen aufbauen oder neue Handelsplattformen in Asien entstehen. Sie sehen zu, wie jeden Tag ein Stück mehr Industriewissen abfließt und mehr Wertschöpfung zur Konkurrenz abwandert. Ideen und Plattformansätze gäbe es auch hierzulande genug, aber solange die erfolgsverwöhnten Unternehmen weiterhin jede ernsthafte Investition in diese neuen Geschäftsmodelle scheuen, vollzieht sich diese Entwicklung wieder an anderer Stelle. „Wir werden in Schlüsselindustrien abgehängt. Eigentlich müsste gerade ein Beben durch die Unternehmerwelt gehen“, mahnt Innovations-Professorin Katharina Hölzle. Am besten wie 2016 schon mal.

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