Handel, Banking, Bildung – worin die US-Geldgeber investieren

Die US-Risikokapitalgeber konzentrieren sich auf die Branchen, in denen die etablierten Anbieter das Internet verschlafen. Im Fokus: Handel, Banken und Bildung.

Quelle: Goetzpartners

Wer wissen möchte, in welche europäischen Internet-Modelle demnächst viel Geld investiert wird, muss meist nur den amerikanischen Risikokapitalgebern über die Schulter schauen. Marc Ziegler hat es getan – und einen Megatrend festgestellt: Die Onliner greifen immer direkter die klassischen Branchen an, in denen der Großteil des Geschäfts noch traditionell gemacht wird. „Neben dem Handel sind auch Bildung und Finanzen große Trends in diesem Jahr“ hat Ziegler, Digitalexperte beim Münchner Beratungsunternehmen Goetzpartners, beobachtet. Mit etwas Verzögerung seien diese Entwicklungen dann auch in Deutschland zu beobachten. Dagegen sind Investitionen in Spiele, lokale Dienste oder Suchmaschinen in diesem Jahr gesunken.

Der Online-Handel wird auch 2014 im Fokus der Geldgeber sein. „Der Wandel von Offline- zu Online-Handel bleibt der weltweit größte Wirtschaftstrend“, sagte Seriengründer Oliver Samwer dem FOCUS. Zudem sieht er mehr Engagement im „Internet der Dinge“ voraus, wie es Google mit dem Kauf von Nest gerade getan hat.

Ein großes Feld war auch die Online-Werbung mit Fokus auf Realtime-Modelle. „Die Amerikaner investieren stark in Real-Time-Bidding – vor allem in Klone, zum Beispiel in Asien oder Russland“, sagt Ziegler.

B2B-Modelle erstmals unter den Top-3

Zum ersten Mal haben Investitionen in B2B-Modelle einen Platz unter den Top-3 geschafft. Dazu gehören Instrumente zur Effizienzsteigerung wie Big Data oder Kundenbindungsinstrumente, aber auch Anbieter neuer Zahlungsfunktionen. Zu dieser Gruppe gehört das US-Unternehmen Palantir, das mit einer Bewertung von 9 Mrd. Dollar aktuell sehr im Fokus steht. Daneben gibt es ein großes Interesse an Unternehmen, die sich um Zahlungsfunktionen drehen. Square, das neue Unternehmen des Twitter-Mitgründers Jack Dorsey, gehört mit einer Bewertung von 5 Mrd. Dollar in diese Gruppe.

Besonders auffällig waren die hohen Investitionen in den Bildungssektor. „Das Thema wurde schon vor zehn Jahren als „nächstes großes Ding“ bezeichnet. Aber erst jetzt wird richtig investiert. Die Geldgeber glauben, dass nun der Tipping-Punkt zu einem Massengeschäft erreicht ist“, sagt Alexander Henschel von Goetzpartners und verweist auf die Lernplattform Lynda. 103 Millionen Dollar hat das schon 17 Jahre alte Unternehmen Anfang des Jahres von Facebook-Investor Accel Partners und Spectrum Equity bekommen. Auf Lynda.com können Nutzer Kurse buchen, die in Zehn-Minuten-Einheiten eingeteilt sind. Die ersten drei Einheiten sind frei; wer dann Spaß an dem Thema bekommen hat, muss zahlen. Erstellt werden die Lehrvideos von Profis oder gut informierten Amateuren in ihren Fachgebieten. Viel Geld fließt auch in Online-Sprachkurse. „Ein gutes Beispiel ist Open English. Die Site bietet maßgeschneiderte Online-Kurse für jeden Kenntnisstand, meist verbunden mit spielerischen Elementen. Dieser Trend ist in Deutschland auch schon angekommen: Der Anbieter Babbel hat im vergangenen Jahr zehn Millionen Dollar bekommen.

Träge Banken sind ins Visier geraten

Eine weitere Branche, die im Netz nicht viel tut, ist ins Visier der Onliner geraten: die Banken. Gefragt sind die Modelle, die enttäuschten Bankkunden Alternativen bieten. „Besonders interessant ist Covestor. Dort können Anleger ihren Risikotyp wählen und sich aus 200 professionellen Portfoliomanagern denjenigen aussuchen, der das Geld nach ihren Vorstellungen das Geld investiert“ erklärt Ziegler. Um Vertrauen zu schaffen, werden die erzielten Renditen der einzelnen Berater transparent dargestellt. In Deutschland ist kurz vor Weihnachten noch die App Gini Pay an den Start gegangen. Damit lassen sich Rechnungen fotografieren und sofort überweisen. Neben den persönlichen Finanzdiensten gelten Modelle für den einfachen Geldtransfer ins Ausland als interessant.

Ebenfalls gut finanziert sind Modelle wie Task-Rabbit: Dort erledigen Menschen kleine Hausarbeiten aller Art, von Einkaufen bis zum Babysitting. Sie können auch in einer fremden Stadt einen Agenten buchen, der für sie eine Wohnung besichtigt. In Deutschland ist ein ähnlicher Ansatz mit Gigalocal allerdings schon gescheitert.

Modelle rund um Youtube

Dagegen sind die Investitionen in Produktivitäts-Apps in den USA stark zurückgegangen. Neben Dickschiffen wir Dropbox , Amazon oder Google wird es schwierig. „Dort scheint der Markt gemacht zu sein“, sagt Henschel. In Deutschland aber offenbar noch nicht, denn Sequoia Capital, einer der Top-Kapitalgeber im Silicon Valley, der schon Apple und Google in frühen Phasen unterstützt hat, hat zuletzt 19 Millionen Dollar in das Berliner Unternehmen 6Wunderkinder investiert. Die App der Wunderkinder bietet eine Aufgabenliste, die aktuell von etwa sechs Millionen Menschen genutzt wird. Offenbar sieht Sequoia in der To-Do-Liste viel Potenzial, was viele Beobachter nicht mehr erwartet hatten.

Daneben gewinnt die Video-Aggregation rund um Youtube an Fahrt. Stylehaul ist ein Anbieter aus diesem Feld, in den schon Bertelsmann investiert hat. Das Mode-Netzwerk bündelt interessante Youtube-Inhalte zu den Themen Mode und Lifestyle. Auch die Verknüpfung von Fernsehen und Social Media ist weiterhin ein großes Thema. Alloy Digital produziert selber Web-Serien und schafft es, dass diese Inhalte in den sozialen Medien intensiv diskutiert und verteilt werden – also eine Art Buzzfeed für Videos. Inzwischen hat Alloy Digital mit dem Konkurrenten Break Media fusioniert, um gemeinsam besser gegen Marktführer Youtube bestehen zu können.

Interesse an Deutschland wächst

Obwohl die Risikokapitalgeber 2013 nur wenige attraktive Firmen verkauft haben, scheint das Interesse am deutschen Markt weiter groß zu sein. „Die besten Zeiten stehen uns in Berlin noch bevor. Ein deutliches Anzeichen dafür ist beispielsweise, dass die internationalen Top-VCs neuerdings auch verstärkt in Deutschland investieren“, sagt Samwer. Allerdings wird das größte Innovationspotenzial im Ausland in Israel gesehen. „Auslandsinvestitionen in echte Innovationen fließen vor allem nach Israel.  Das ist die ausgelagerte Werkbank der Amerikaner“, hat Ziegler beobachtet.

In Deutschland waren die Softwaregründer in diesem Jahr am aktivsten, sagt Alex v. Frankenberg vom Hightech-Gründerfonds. „Aber auch Medizintechnik und e-Health Themen waren besonders spannend“, sagt Felsenberg.

Dass die Onliner nun mehr in traditionelle Märkte eindringen, hat auch die Platzhirschen wachgerüttelt. „Wir werden 2014 mehr Engagement von großen Unternehmen im Netz sehen. Die Investitionen werden sich dann auf viele Branchen verteilen“, erwartet Thomas Grota, der für die Deutsche Telekom in junge Unternehmen investiert und die 6Wunderkinder schon langen vor Seqouia investiert hat.

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