Digitale Transformation: Industrie der zwei Geschwindigkeiten

Deutsche Fertigungsunternehmen sehen Digitalisierung als Megatrend an – investieren aber nur konservativ. Schwerpunkte sind 3D-Druck, Automatisierung, Robotik und Material Engineering.

Zuerst die gute Nachricht: Die deutsche Fertigungsindustrie sieht die Digitalisierung inzwischen als relevanten Megatrend für ihr Geschäft an. Dass mit der Digitalisierung alles so bleibt wie es ist, erwartet nur noch ein Prozent der deutschen Fertigungsunternehmen, die von KPMG und der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin befragt wurden. Den größten Anpassungsbedarf sehen die Befragten in der Technologie (75 Prozent), der Entwicklung der beteiligten Mitarbeiter (63 Prozent) sowie bei der innerbetrieblichen Organisation und Steuerung (62 Prozent). Auswirkungen auf das eigene Geschäftsmodell erwarten dagegen nur 41 Prozent, während immerhin 34 Prozent die Wahl des Standorts überdenken. Neue Finanzierungsmodelle sehen nur 13 Prozent der befragten Fertigungsunternehmen als relevant an.

Nun die schlechte Nachricht: Ein großer Teil der Industrie geht sehr konservativ an den erwarteten Handlungsbedarf heran. Ihre Transformationsbereitschaft bezeichnen 66 Prozent der Unternehmen als konservativ oder sehr konservativ. Nur 5 Prozent sehen sich selbst als Visionär. Entsprechend hat bisher nur etwa die Hälfte der Unternehmen die nötigen Mittel für die Transformation bereitgestellt oder die erforderlichen Kompetenzen im eigenen Haus entwickelt.

Deep-Tech-Zeitalter: 3D-Druck, Robotik und Material Engineering legen schnell zu

Als relevante und vorangetriebene Themen sehen die Fertigungsunternehmen vor allem 3D-Druck (additive Fertigungsverfahren), die komplett digitalisierte Logistikkette, Material Engineering und den Ersatz aller körperlichen Routinetätigkeiten durch Roboter an. Andere Trendthemen wie Virtual / Augmented Reality oder künstliche Intelligenz als Ersatz komplexer Entscheidungsarbeit haben zumindest in den deutschen Fertigungsunternehmen weniger Gewicht.

digitalfertigung

Auch die Steuerung des Transformationsprozesses erfolgt typisch deutsch: Zwei Drittel legen Wert auf einen linearen/durchgeplanten Prozess. Iterative Verfahren oder „Trial & Error“ ist bei den meisten Fertigungsunternehmen weiterhin unbeliebt, hat die Umfrage ergeben. Die Methoden der erfolgreichen Digitalunternehmen, sich durch exzessives Testen Schritt für Schritt an ein zum Start meist unbekanntes Optimum heranzuarbeiten und dabei Rückschläge von Anfang mit einzukalkulieren, bleiben die Ausnahme in Deutschland.

 

Trotz der konservativen Herangehensweise planen immerhin 54 Prozent, ihr Produktportfolio stark oder sogar sehr stark zu ändern. Änderungen des Geschäftsmodells, zum Beispiel vom klassischen Verkauf in Richtung ergänzender datenbasierter IOT-Modelle, einer nutzungsabhängigen Bezahlung oder einer erfolgsorientierten Bezahlung, sieht nur eine Minderheit als relevant an. 68 Prozent betrachten den klassischen Verkauf auch in den kommenden zehn Jahren als bedeutendstes Modell.

Sehr wichtig ist den meisten Unternehmen eine flexiblere Fertigung, um die individuellen Kundenwünsche präziser erfüllen zu können. Dafür sollen Kunden, Partner und Zulieferer in die Produktentwicklung eingebunden werden, mehr Erweiterungs- und Upgrademöglichkeiten geschaffen werden, kürzere Produktlebenszyklen angestrebt und auch höhere Intervalle bei der Überarbeitung der Produkte angestrebt werden. Softwareupdates machen es künftig möglich, Hardware stetig zu verbessern, wie Tesla es mit seinen Autos heute vormacht.

Druck auf die Arbeitsplätze wächst

Die Arbeitsplätze der meisten Menschen werden sich durch die digitale Transformation grundlegend ändern. Zum Beispiel hat Siemens 25 Kernkompetenzen definiert, die besonders relevant sind und in Zukunft stärker vermittelt werden müssen. Dazu gehören Cloud Computing, Projektmanagement, Medienkompetenz oder Robotik.

Die Auswirkung auf die Beschäftigung gehört zu den großen Fragen unserer Zeit. Ein Regionalranking der Bundesagentur für Arbeit zeigt zum Beispiel eine vergleichsweise hohe Gefahr des Jobverlustes in Baden-Württemberg, dem Saarland und in Thüringen. Der Anteil der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in einem Beruf mit hohem Substituierbarkeitspotenzial liegt im BW mit 17,4 Prozent über dem Bundesdurchschnitt von etwa 15 Prozent. Unterschiede zeigen sich auch zwischen Stadt und Land: In Stuttgart, Heidelberg, Freiburg oder Karlsruhe weisen nur rund zehn Prozent der Arbeitsplätze mehr als 70 Prozent Substituierbarkeitspotenzial aus, weil der Anteil der Dienstleistungsberufe dort vergleichsweise hoch ist. Die Quoten in Landkreisen wie Biberach, Rottweil, dem Enzkreis oder Tuttlingen bewegen sich dagegen zwischen 26 und 32 Prozent, weil dort viele Jobs in Fertigungsberufen von Robotern erledigt werden können.

Besonders der Übergang zur E-Mobilität wird sich auf dem Arbeitsmarkt niederschlagen. „Es gibt das Risiko, über Digitalisierung Beschäftigung zu verlieren, und ein sehr hohes Risiko, über den Ausbau der E-Mobilität Beschäftigung zu verlieren“, sagt Christian Rauch von der BA. Besonders die Jobs von Geringqualifizierten und Facharbeitern seien bedroht. Im Wertschöpfungsprozess eines Elektroautos würden im Vergleich zur Produktion eines Autos mit Verbrennungsmotor nur noch zwischen 30 und 40 Prozent der Beschäftigten benötigt. Dafür werden an anderer Stelle wieder Jobs aufgebaut, zum Beispiel in der Akkuproduktion. Der Nettoeffekt ist auch hier schwer abzusehen – der Änderungsbedarf ist dagegen jetzt schon sicher.

stuttgart-wirtschaft40

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