Kann WhatsApp bald telefonieren?

Jan Koum will WhatsApp zu einem Versorger machen, der später einmal von 5 Milliarden Menschen genutzt wird. Die SMS wurde von der Kommunikations-App schon verdrängt. Ein nächster Schritt könnte eine Telefon-Funktion sein.

© Jan Koum

18 Milliarden Textnachrichten, 500 Millionen Fotos, aber auch schon 200 Millionen Sprachnachrichten senden die 430 Millionen WhatsApp-Nutzer jeden Tag an ihre Freunde. In Deutschland setzen schon 30 Millionen Menschen die Kommunikations-App ein, also etwa drei Viertel aller Smartphone-Besitzer. Doch zufrieden ist WhatsApp-Chef Jan Koum damit noch nicht. „Unser Ziel ist 100 Prozent. Wir wollen ein Versorger sein, also ein Instrument bauen, das Menschen jeden Tag nutzen. Aber Deutschland gehört in der Tat zu unseren Top-5-Ländern mit dem schnellsten Wachstum“, sagte Koum im FOCUS-Interview.

Er kam Anfang der neunziger Jahre als Teenager aus der Ukraine in die USA. Auch weil es damals so schwierig gewesen sei, mit seinen Freunden in der Heimat in Kontakt zu bleiben, baut der 37-Jährige heute mit großer Leidenschaft an einer Nachrichten-App, mit der eines Tages die ganze Welt kommunizieren soll. Aber während seine Konkurrenten möglichst viele Daten sammeln, geht Koum einen anderen Weg. „Unser Modell basiert nicht darauf, möglichst viel über unsere Nutzer zu wissen. Wir speichern die Nachrichten nicht. Wir kennen nicht die Namen unserer Nutzer, nicht ihr Alter, ihr Geschlecht oder ihre Adresse. Wir wissen nicht, wie sie ihr Geld ausgeben, wo sie wohnen oder was sie essen. Das interessiert uns auch alles nicht“, sagt Koum.

„No Games, No Ads, No Gimmicks“

Sein Geschäftsmodell ist denkbar einfach: 1 Dollar pro Nutzer und Jahr. Damit es funktioniert, muss WhatsApp skalieren. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis jedermann auf diesem Planeten ein Smartphone in der Hand hat. Rechnen Sie mal mit fünf Milliarden Geräten. Wenn alle einen Dollar im Jahr an uns zahlen, dann ist das viel Geld“, sagte Koum. An seinem Computer klebt ein Zettel, „No Games, No Ads, No Gimmicks“, damit niemand in der 50-Mann-Firma vom rechten Weg abkommt. Folgerichtig stört ihn wenig, dass die Konkurrenten WeChat oder Line Plattformen aufbauen, um darauf E-Commerce oder Spiele aufzubauen.

Was ihn jedoch stören wird ist der Erfolg des Konkurrenten Viber, der kostenlose Telefonate über die App möglich macht. Bei einem Gespräch an der Uni München ergab eine spontane Umfrage unter den Studierenden, dass die Möglichkeit, eine Sprachnachricht (ähnlich wie bei einer Mailbox) zu senden, kaum genutzt wird.“Wir haben uns viel Mühe mit dem Produkt gegeben. Zum Beispiel nimmt das Mikrofon eine andere Farbe ein, wenn die Nachricht vom Empfänger angehört wurde“. Koum ließ sich aber nicht in die Karten schauen, ob er schon bald eine echte Telefonie-Funktion plane. „Wir haben uns das Thema angeschaut. Aber wenn wir ein Produkt einführen, muss es besser als die bereits existierenden Angebote im Markt sein. Viel besser“, sagte Koum. Er sei auch in Gesprächen mit den Telekommunikationsfirmen, deren Geschäft unter einer solchen Funktion erheblich leiden würde. Aber nur soviel verriet er: „Wir haben einige neue Funktionen in der Pipeline“. Alle streng nach dem Motto „No Games, No Ads, No Gimmicks“.

Das komplette Interview mit Jan Koum ist im aktuellen FOCUS 5/2014 erschienen. Das Video zeigt als DLD Campus Lecture das Gespräch von Burda-Digitalvorstand Stefan Winners mit Jan Koum an der Uni München.

Weitere Infos zum Plattform-Index finden Sie unter www.plattform-index.com
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