Nur 7 Prozent der deutschen Manager sind „Digital Leader“

Deutsche Manager überschätzen ihre Fähigkeiten, Unternehmen ins digitale Zeitalter zu führen, kolossal. Nur 7 Prozent haben in einer Umfrage die notwendigen Fähigkeiten gezeigt, ein „Digital Leader“ zu sein. 50 Prozent sehen die Digitalisierung gar als Hype an.

Steve Jobs hatte sie zweifellos, Elon Musk sicher auch. In Deutschland gehören Bosch-Chef Volkmar Denner und der Klöckner-CEO Gisbert Rühl zu dieser elitären Gruppe der Manager mit „Digital Leadership“, also dem Wissen und der Fähigkeit, Unternehmen in der aktuellen Phase der digitalen Transformation richtig zu führen. VW-Chef Matthias Müller („Selbstfahrende Autos sind ein Hype“) lässt dagegen Zweifel aufkommen, ob er in der Lage ist, Hunderttausende Mitarbeiter für den anstehenden Wettbewerb mit Plattform-Unternehmen wie Apple, Google, Uber oder Tesla zu begeistern. Aber vielleicht gehört er einfach zu den 50 Prozent der Entscheidungsträger in Deutschlands Unternehmen, die Digitalisierung zumindest teilweise als einen überbewerteten Medienhype betrachten. Zu diesem Ergebnis kommt nämlich eine Umfrage von Crisp Research im Auftrag von Dimension Data unter 503 Führungskräften in Deutschland, die sich nach eigener Einschätzung selbst aber mehrheitlich die nötigen digitalen Fähigkeiten attestieren.

Allerdings weichen Eigen- und Fremdbild stark voneinander ab. Aus den Antworten der Entscheider haben die Marktforscher abgeleitet, dass nur 7 Prozent als „Digital Leader“ einzustufen sind, die also gleichzeitig das nötige Wissen über die Digitalisierung als auch die erforderlichen Management-Fähigkeiten verfügen, um die richtigen Entscheidungen in einer Welt voller disruptiver Entwicklungen zu treffen.

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Ein Grund für die Abweichung zwischen Selbsteinschätzung und Fremdbild: Wer sich selbst als „Digital Leader“ bezeichnet, aber angibt, in der Freizeit das Internet dann kaum noch zu nutzen, bekommt Punktabzug. Die Begeisterung für das Digitale darf eben nicht am Werkstor aufhören, denn die digitale Welt draußen bewegt sich viel schneller als das Digitale in den Unternehmen. Wer nicht sieht, wie sich Airbnb ausbreitet, wer Uber nicht selbst ausprobiert oder keine Idee hat, warum Snapchat die Jugend so fasziniert, kann auch nur schwer ein Gespür für die Trends in seiner eigenen Industrie entwickeln. Der ehemalige Telekom-Chef, der wahrscheinlich nie Zug fuhr, aber das unfassbar schlecht funktionierende Wlan in den ICEs lobte, war dann auch nicht in der Lage, rechtzeitig zu erkennen, in welchem Ausmaß Anwendungen wie WhatsApp oder künftig Twilio sein Geschäft disrupten.

Die große Mehrheit (70 Prozent) der Entscheider wurde daher in die Gruppe der „Digitalen Anfänger“ eingestuft, die weder die Hälfte der nötigen digitalen Fähigkeiten noch die Hälfte der erforderlichen Management-Qualifikation mitbringen. Als „Tech-Experte“ wurde immerhin jeder fünfte Manager klassifiziert. Diese Gruppe erkennt zwar die Digital-Trends, ist aber nicht nicht der Lage, ihr Unternehmen entsprechend auszurichten. Über die notwendigen Management-Skills verfügen die 3,2 Prozent der „Digitalen Visionäre“, denen aber das Wissen über die technischen Entwicklungen abgeht. Signifikanten Einfluss auf das Ergebnis hatte dabei das Alter: Junge Entscheidungsträger schnitten durchschnittlich besser ab als ihre älteren Kollegen.

Was aber muss ein „Digital Leader“ heute mitbringen? Drei Punkte sind wichtig:

  • Erstens das Wissen über die Digital-Trends, die über den Erfolg eines Unternehmens (mit-)entscheiden. Das Internet der Dinge oder die Funktionsweise zweiseitiger Plattform-Märkte gehören heute ebenso zum Basis-Wissen eines jeden Managers wie die Möglichkeiten, die Machine Learning zum Beispiel für die Personalisierung der Produkte und die Automatisierung bringt. Inzwischen sollte sich unter den digitalen Anführern auch herumgesprochen haben, besser die Ideen der Start-ups oder Forschungslabors der großen Tech-Konzerne auf dem Radar zu haben, bevor sie zu ernsthaften Konkurrenten werden. Dieser Punkt klingt logisch, doch die Liste grandioser Fehleinschätzungen ist lang. Steve Ballmers Reaktion auf das erste iPhone ist schon ein Klassiker; Dieter Zetsches Antwort auf ein mögliches Apple-Auto hat ebenfalls das Zeug, in die Industriegeschichte einzugehen.
  • Zweitens die Fähigkeit, dieses Wissen auch in eigene Produkte umzuwandeln. Innovationskultur ist hier das entscheidende Stichwort: Wer seine Mitarbeiter nicht mitreißen kann, richtig gute Produkte zu entwickeln, kommt nicht weit. Dafür müssen aber auch die Digital-Fähigkeiten der Mitarbeiter ausgebaut werden, wie die Umfrage zeigt. 42 Prozent der Befragten möchten eine Aus- und Weiterbildungsoffensive starten, um die eigene Organisation fit für den digitalen Wandel zu machen. Kein anderer Punkt hat einen ähnlich hohen Stellenwert wie das Thema Bildung.
  • Und drittens die Management-Fähigkeiten, die disruptiven Prozesse im Unternehmen anführen zu können. Wichtig ist neben adäquaten Methoden wie Design Thinking auch das Wissen, wie die Mitarbeiter der „Generation Y“ ticken, wie sie motiviert und im Unternehmen gehalten werden können. Denn starre Arbeitsmodelle, Anwesenheitspflicht in Büro und Hierarchiedenken werden diese wertvollen Mitarbeiter wahrscheinlich schnell wieder aus dem Unternehmen treiben. (-> 25 Thesen zur Zukunft der digitalen Arbeit)

Wie wichtig die Kombination aus Digital- und Management-Qualifikation für den Erfolg des Unternehmens ist, zeigt eine Untersuchung von MITSloan und Cap Gemini (PDF).  Danach weisen die Unternehmen, deren Führungskräfte viel über die Digitalisierung wussten, im Vergleich zum Rest der Branche überdurchschnittliche Umsätzzuwächse auf. Aber nur die Unternehmen, die auch gleichzeitig gut geführt wurden, verzeichneten auch überproportionale Gewinnsteigerungen. Nur diese Kombination aus Digital und Managementqualitäten macht also die „Digitalen Meister“ aus.

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Überhaupt zeigen die Studienergebnisse, dass die Personalverantwortlichen wohl die größten Veränderungen erleben werden, denn ihre Themen „Aus- und Weiterbildung“ sowie „Digital Skills als Einstellungsvoraussetzung“ tauchen in den Antworten nach den Notwendigkeiten für das Gelingen des digitalen Wandels an prominenten Stellen auf.

Digital Leadership

Schaut man sich die derzeit laufenden Digitalisierungsprojekte an, fällt der vergleichsweise hohe Anteil der Unternehmen auf, die schon neue Geschäfts-, Preis- und Vermarktungsmodelle entwickeln. Neben den technischen Vorbereitungen wie die Umstellung auf die Cloud und der Entwicklung mobiler Geschäftsprozesse scheint zumindest in der Gruppe der befragten Unternehmen ein Umdenken stattzufinden. Inwieweit dieser Prozess schon im großen Rest der mittleren und kleinen Unternehmen begonnen hat, geht aus der Umfrage nicht hervor. Hier fehlen noch Repräsentativumfragen, die aber sicher bald kommen werden.

Digitalisierungsprojekte

1 Antwort
  1. Juliane sagte:

    Man kann es ihnen nicht einmal verübeln, wenn beispielsweise die Politik gleich verlangt, dass selbst das kleinste mittelständige Unternehmen sofort in die Industrie 4.0 – mit Haut und Haaren – einsteigen soll. Anstatt kleine Schritte zu motivieren, etwa das Kundenmanagement zu digitalisieren, wird Druck gemacht, alles auf einmal zu stemmen.
    Dass sich die CIOs da ein wenig drücken und darauf hoffen, dass es noch länger ganz ohne geht, ist wenig verwunderlich (der erste Schritt ist immer der Schwierigste).
    Mit besten Grüßen,
    Juliane Waack,
    Redakteurin der cloud world

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