„Die Blockchain wird das Geschäftsleben neu erfinden“

Die Blockchain ist eine Art digitales Grundbuch für alle Arten von Transaktionen. DIe Technologie hat das Potenzial, vor allem klassische Intermediäre wie Banken und Börsen aus dem Markt zu drängen. Am Ende geht es aber um etwas sehr Fundamentales: Transaktionskosten, deren Existenz erst zum Entstehen von Unternehmen geführt haben, werden eliminiert. Damit könnte die Blockchain sogar das bisherige Geschäftsleben noch einmal neu definieren.

Für Don und Alex Tapscott beginnt das Internet erst jetzt so richtig. „Die Technologie mit dem größten Einfluss auf die Ökonomie heißt nicht künstliche Intelligenz, Big Data oder Internet der Dinge. Sondern Blockchain“ sagt Don Tapscott. Seit 20 Jahren schreibt der Wirtschaftsprofessor aus Toronto Bücher über das Internet. Doch was mit der Blockchain auf uns zukommt, könnte nach seiner Meinung noch einmal vieles ändern. „Die Blockchain stellt Vertrauen her, aber nicht durch starke Institutionen oder Intermediäre, sondern durch eine schlaue Software und die Zusammenarbeit der Massen“, erklärt Sohn Alex, ein gelernter Investmentbanker.

Blockchain als digitales Grundbuch aller Transaktionen

Das klingt erst einmal wenig spektakulär, könnte aber fundamentale Wirkungen entfachen. Vereinfacht gesagt ist die Blockchain ein digitales Grundbuch, in dem sich alle Arten von Transaktionen im Internet dauerhaft, für alle Beteiligten einsehbar und sehr günstig dokumentieren lassen. Arbeits- oder Kaufverträge, Börsengeschäfte, Geldüberweisungen – beinahe alle Transaktionen lassen sich in einer Blockchain ablegen und nur mit einem gemeinsamen Beschluss der Mehrheit noch einmal ändern.

„Wir nennen die Blockchain das Vertrauens-Protokoll. Sie schafft Vertrauen zwischen Menschen, besser als es klassische Intermediäre wie Banken oder Notare können“, erklärt Don Tapscott. Der entscheidende Unterschied ist der Kostenvorteil: Die Blockchain verursacht nur einen Bruchteil der Kosten, die bisherige Intermediäre für diese Dienstleistung verlangt haben. Ein weiterer Vorteil: Sanktionen bei Nichteinhaltung der Vertragsverpflichtungen lassen sich auch gleich in die Software einbauen. Wer zum Beispiel einen Ratenkauf für ein Auto in einem solchen „smart contract“ einbaut, kann bei Zahlungsverzug die automatischen Mahnungen bis zur Stilllegung des Autos gleich mit hinterlegen.

Banken und Börsen unter Druck

Vor allem die Banken und Börsen sind wegen der Blockchain in heller Aufregung. Sie leben zu einem guten Teil von den Provisionen für diese Geschäfte. Dabei machen sie ihren Job noch nicht einmal gut: „Die Intermediäre nehmen sich einen großen Teil der Wertschöpfung als Provision, zum Beispiel 10 Prozent, und sie bekommen alle Daten. Sie verlangsamen die Ökonomie, denn es dauert eine Woche, Geld von einem Land in ein anderes Land zu übertragen“, kritisiert Don Tapscott. Mit der Blockchain-Technologie dauert die sichere Überweisung ins Ausland nur Sekunden und niemand verdient damit Geld.

Selten zuvor hat eine Branche daher so schnell auf eine neue Technologie reagiert wie die Finanzinstitute. „Anfang 2014 hatte keine einzige Bank in die Blockchain investiert. Ende 2015 gab es praktisch keine große Bank mehr, die sich nicht mit Blockchain beschäftigt. Auf jeder Konferenz zu diesem Thema stehen neben den Teilnehmern in den Kapuzenpullis nun die Anzugträger aus den Banken“, hat Alex Tapscott beobachtet, selbst ein ehemaliger Investmentbanker, aber der Technologe in der Familie. Er hat den Stein ins Rollen gebracht: Sein Aufsatz über die Digitalwährung Bitcoin fiel einem Verleger in die Hände, der daraufhin vorschlug, gemeinsam mit seinem Vater das Buch zur „Blockchain Revolution“ zu schreiben. „Väter und Söhne spielen normalerweise zusammen Golf oder schauen Filme. Wir schreiben Bücher. In den vergangenen zwölf Monaten haben wir zusammen geforscht, mit allen Experten in der Szene gesprochen und dieses Buch verfasst. Es war ein großer Spaß“, erklärt Don.

Intermediäre werden überflüssig

Den Banken ist der Spaß allerdings vergangen. „Die Meisten haben Angst vor Blockchain, weil sie nicht wissen, wie diese Technologie ihr Geschäft verändern wird, aber ahnen, dass Blockchain ein „Big Deal“ ist“, erklärt Don. Zwar sehen einige Banken auch große Vorteile, vor allem in Form von Kostensenkungen im Backend, die 20 Milliarden Dollar in der Branche ausmachen können. Doch die Pioniere unter den Banken fürchten, irrelevant zu werden. „Es gibt genügend Beispiele, in denen Banken die Gebühren für Transaktionen kassieren, ohne irgendeinen Wert zu erzeugen. In diesen Fällen ist das Potenzial hoch, aus dem Markt gedrängt zu werden“, sagt Alex Tapscott. Etablierte Banken, aber auch neue Anbieter wie PayPal müssten nun eine Entscheidung treffen: Entweder sie investierten in die Blockchain und kannibalisierten ihr eigenes Geschäft, um sich für die nächste Disruption ihrer Industrie zu positionieren. Oder sie warteten ab, bis Neueinsteiger das Geschäft machen.

Überall auf der Welt gründen sich gerade Blockchain-Start-ups, die alte Intermediäre verdrängen wollen. Eine Milliarde Dollar sind in den vergangenen beiden Jahren in diese jungen Unternehmen geflossen; in diesem Jahr wird die Investition wohl noch einmal deutlich zulegen. „Die Blockchain ist einer der fundamentalsten Erfindungen in der Geschichte der Informatik“, hofft Marc Andreessen, einer der einflussreichsten Investoren im Silicon Valley.

Blockchain ändert „The Nature of the Firm“

Aber die Finanzindustrie ist nur der Beginn der Geschichte. „Das Potenzial der Blockchain ist fundamental. Sie gibt uns die Gelegenheit, die Institutionen des Geschäftslebens neu zu erfinden“, erklärt Tapscott. Denn im Prinzip existieren Unternehmen nur, um nicht ständig Verträge am Markt aushandeln zu müssen. Der Nobelpreisträger Ronald Coase hat in seinem berühmten Aufsatz „The Nature of the Firm“ vier Arten von Transaktionskosten definiert, die in einem Unternehmen geringer sind als in einer Marktlösung: Suche,  Koordination, Vertragsbildung und Vertrauen herzustellen. „Nun denken sie an ein globales, verteiltes Grundbuch, in dem alle Transaktionen eingetragen und sicher dokumentiert sind. Das Grundbuch befindet sich nicht innerhalb eines Unternehmens, sondern funktioniert für die ganze Ökonomie. Eine riesige Tabelle des Vertrauens. Diese Tabelle wird Transaktionskosten erheblich senken: Die Kosten der Suche werden dramatisch fallen, weil jedermann in der Blockchain nachschauen kann, was passiert ist. Oder Die Kosten der Überwachung, ob Verträge eingehalten werden, werden durch die „smarten Verträge“ erheblich reduziert. Wenn diese Transaktionskosten mit der Blockchain wesentlich reduziert werden, könnten viele zuvor ins Unternehmen geholte Funktionen wieder ausgelagert werden.

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