Banken als Plattform: Wie PSD2 die Finanzwelt verändert

Die europäische Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 ermöglicht Tech-Firmen den Zugriff auf Bankkonten. Das Ergebnis: Ein Innovationsschub in der Finanzbranche. Banken können sich nun als Plattform etablieren – oder als Infrastrukturanbieter im Hintergrund verschwinden.

Der Banker von morgen trägt Hoodie und programmiert Chatbots oder Anwendungen für Amazons Sprachcomputer Echo. Beim „Bankathon“, einer Wortkombination aus Bank und Hackathon, traten in Hamburg 22 internationale Hacker-Teams an, um zwei Tage rund um die Uhr die innovativste Idee für das Banking von morgen zu programmieren.

„Die Wirkung von PSD2 auf Banken wird fundamental sein“

Hinter jeder Entwicklung stand dieselbe Idee: PSD2. Die Abkürzung steht für die europäische Zahlungsdiensterichtliche, die 2018 in Kraft tritt und für die Banken einem Erdbeben gleichkommen kann. Die Richtlinie knackt das Monopol der Banken auf Kontoinformationen und Zahlungsdienste ihrer Kunden. Kreditinstitute sind dann gezwungen, auf Wunsch ihrer Kunden alle Daten automatisiert per Schnittstelle an Tech-Firmen oder andere Banken herauszugeben oder in deren Auftrag Zahlungen auszuführen. Bankkunden können dann beispielsweise ihre Rechnungen per Google begleichen oder ein Finanz-Start-up mit der Aggregation ihrer Kontodaten beauftragen. „Die Wirkung von PSD2 auf die Banken wird fundamental sein“, sagt Holger Spielberg, Digitalstratege der Wiesbadener Aareal-Bank, der nach 15 Jahren im Silicon Valley genau weiß, wie digitale Angreifer nun vorgehen werden. „Banken, die sich nicht mit PSD2 beschäftigen oder es als Nebenthema abtun, haben grundsätzlich schon verloren“, erwartet Spielberg.

Tatsächlich könnte die Richtlinie den gordischen Knoten im Fintech-Markt zerschlagen. Zwar gibt es auch heute schon unzählige Versuche sowohl der Tech-Giganten als auch der Start-ups, in der Finanzbranche Fuß zu fassen. Für ihre Ideen konnten sich bisher aber allenfalls Computernerds begeistern. Die meisten Menschen vertrauen den Tech-Firmen zwar ihre Daten, nicht aber nicht ihr Geld an. Genau das Problem löst PSD2 nun: Das Geld bleibt auf Bank, die zudem für die Sicherheit garantieren muss. Die Tech-Firmen erhalten nun aber Zugriff auf die Konten, um neue Finanzprodukte zu entwickeln und damit das Innovationstempo in der Branche zu erhöhen. „Alle Unternehmen, die Teil unseres digitalen Alltags sind, werden dann Banking in ihre Angebote integrieren. Bei uns Konsumenten sind das zum Beispiel Google, Facebook, Amazon oder Apple“, erwartet André Bajorat, Gründer des Fintechs figo und Veranstalter des Bankathons.

Horrorszenario Amazon Echo oder Google Home

Das Horrorszenario für die Banken stellen neue Geräte wie Amazon Echo oder Google Home dar. Die Nutzer können damit per Sprache zum Beispiel ein Produkt bestellen. Amazon oder Google führen die Bestellung im Hintergrund aus, veranlassen die Lieferung und gleichzeitig auch die Bezahlung. Mit seiner Bank käme der Kunde in dem Szenario gar nicht mehr in Kontakt. Wenn die Banken nicht aufpassen, könnten sie den Kontakt zur schnell wachsenden Gruppe ihrer Digital-Kunden an die großen Tech-Konzerne verlieren.

Natürlich fiebern auch die Start-ups dem Start entgegen, denn dann werden Apps wie der intelligente Vertragstresor des Kasseler Fintechs Fino möglich, der alle Verträge an einem Ort bündelt. „Ist zum Beispiel die Telefonrechnung höher als üblich, schlägt die Software Alarm und bietet automatisch einen Anruf im Call-Center der Telefongesellschaft an“, erklärt Fino-Gründer Florian Christ seine Idee. Reist ein Nutzer ins Ausland, wird ihm auf dem Weg zum Flughafen eine Auslandskrankenversicherung angeboten, die er per Fingertipp abschließen kann. Gerhard Kebbel, Bereichsleiter Digitalisierung bei der Helaba in Frankfurt, erwartet einen ganz anderen Angreifer: „Ich glaube, dass Aggregatoren – und mein erster Kandidat ist Check24 – in den Privatkunden-Markt drängen werden. Wenn diese Plattform die Schlacht gewinnt, dann sind Banken nur noch Infrastrukturanbieter, der Sicherheit gewährleisten“, warnt Kebbel. Dann sei das Konglomerat Bank überflüssig. „Die Banken müssen nun entscheiden, ob sie die Schlacht von vornherein verloren geben oder sich dagegen stemmen“, sagt Kebbel.

Banken als Plattform

Viele Banken haben die Gefahr aber erkannt und wollen die Innovationen nur selbst vorantreiben, bevor es andere tun. Auf dem Bankathon fallen die klassischen Banker zwischen den Hackern daher kaum noch auf. Sie sind jetzt Teil der Fintech-Szene, stellen selbst viele Teams. Ihr Kalkül: Sie machen es den Fintechs nicht schwer, sondern besonders leicht, innovative Produkte an ihr Banksystem anzuschließen. Auf diese Weise wollen sie attraktiv für neue Kunden sein. Das Modell funktioniert dann ähnlich wie bei den Smartphone-Plattformen von Apple und Google: Die besten Entwickler programmieren ihre Apps für das beliebteste Betriebssystem, das damit neue Nutzer anlockt, was wiederum mehr Entwickler anzieht. Positive Netzwerkeffekte heißen diese Mechanismen, die alle dominanten Internet-Konzerne heute groß gemacht haben. Das wollen nun auch die Banken für sich nutzen. „Wir sehen Möglichkeiten, die Bank als Plattform auszurichten und Partner anzudocken“, sagt Aareal-Stratege Spielberg, der das in den USA höchst erfolgreiche Geschäftsmodell in seiner Bank kopieren will. Sein Institut, Marktführer für gewerbliche Immobilienfinanzierungen, könnte dann zum Beispiel Zahlungsfunktionen für die Wohnungswirtschaft übernehmen, in einem zweiten Schritt aber auch Car-Sharing-Angebote für die Mieter integrieren.

Banken als Plattformen heißt daher die Lösungsidee in der Finanzbranche. Seit etwa einem Jahr investieren die Finanzinstitute viel Geld in die Digitalisierung und bieten sich als Partner der Fintechs an. 750 Millionen Euro will allein die Deutsche Bank bis 2020 in ihre brandneue „Digitalfabrik“ stecken. Die Kapazität soll bis 2018 auf etwa 800 Mitarbeiter verdoppelt werden. „Die Digitalfabrik ist eine Etappe auf dem Weg der Deutschen Bank zu einem Technologieunternehmen“, beschreibt Privatkundenvorstand Christian Sewing die Transformation des Geldhauses. Geplant ist zum Beispiel eine Zinsplattform, auf der Kunden der Deutschen Bank ihr Geld auch bei anderen Instituten anlegen können, die höhere Zinsen bieten, ohne dafür die Bank wechseln zu müssen. „Wir müssen uns selbst angreifen“, fordert Sewing.

Fintech-Szene rüstet auf

Bevor es andere Unternehmen tun, denn die Fintech-Szene rüstet mächtig auf. Die Investitionen in die jungen Wachstumsunternehmen haben sich seit 2010 verzehnfacht. Gut 22 Milliarden Dollar flossen im vergangenen Jahr in die Sparte, vorwiegend allerdings in China und den USA, wo die meisten und vielversprechendsten Fintechs sitzen. Allein die Alibaba-Tochtergesellschaft Alipay wird mit 60 Milliarden Dollar bewertet; der Zahlungsdienstleister Paypal ist mit 47 Milliarden Dollar der Platzhirsch in Amerika.

Für die Banken ist PSD2 aber nur ein Technik-Thema. Genauso wichtig ist der Umbau der internen IT-Systeme, die im Hintergrund arbeiten und deren Zustand Deutsche-Bank-Chef Cyran schon einmal als „lausig“ bezeichnete. Hier werden in den kommenden Jahren viele Milliarden Euro investiert und auch viele Jobs wegfallen. Automatisierung lautet das Schlagwort. Nicht wenige Insider sehen hier die wahre Revolution auf die Banken zukommen. „Viele Bankdienstleistungen lassen sich auch heute schon automatisieren. Revolutionäre Wirkungen werden innerhalb der Banken bei Prozessabläufen und auch bei der Komplexitätsreduktion in den internen Organisationen spürbar“, erklärt Spielberg. Die Banken müssen in Sachen Technik also noch mächtig dazulernen. Auch auf dem Hamburger Bankathon mussten sie Lehrgeld bezahlen. Gewonnen haben nämlich drei Teams aus der Start-up-Szene.

Weitere Infos zum Plattform-Index finden Sie unter www.plattform-index.com
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