Monitoring-Report: Digitalisierung der deutschen Wirtschaft kommt nur langsam voran

Der Digitalisierungsgrad der deutschen Wirtschaft ist nur in der Autoindustrie spürbar gegenüber dem Vorjahr gestiegen. 29 Prozent der Unternehmen halten Digitalisierung weiterhin für unnötig, hat eine Representativbefragung vor dem „Digital-Gipfel“ ergeben. Und neue Technologien wie künstliche Intelligenz werden weiterhin kaum genutzt.

Die Digitalisierung der deutschen Wirtschaft nimmt nur sehr langsam Fahrt auf. Auf einer Skala von 0 bis 100 haben die deutschen Unternehmen einen Digitalisierungsgrad von 54 Punkten erreicht, zeigt der Monitoring-Report Wirtschaft Digital 2017 (PDF), der passend zum Digital-Gipfel (früher: Nationaler IT-Gipfel) erstellt wurde. Das ist sogar ein Punkt weniger als im vergangenen Jahr. Lediglich im verarbeitenden Gewerbe wurde ein signifikanter Anstieg von 3 Punkten gemessen, der vor allem auf die Industrie-4.0-Initiativen zurückzuführen ist.

Der Digitalisierungsgrad schwankt erheblich zwischen den Branchen: Erwartungsgemäß erreicht die Informations- und Kommunikationstechnologie mit 78 Punkten den höchsten Wert. Banken und Versicherer sind mit 65 Punkten ebenfalls in der Spitzengruppe zu finden, gefolgt vom Handel. Das sind die Branchen, deren Produkte digital sind und/oder die in der ersten Welle der Digitalisierung schon besonders hart transformiert wurden (zum Beispiel von WhatsApp oder Amazon).


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Einen mittleren Digitalisierungsindex weisen die Energie- und Wasserversorger, Maschinenbauer, Chemie- und Pharmaunternehmen, der Fahrzeugbau und die Logistik auf. Einzig der Fahrzeugbau weist in diesem Jahr mit einem Anstieg von 4 Punkten einen nennenswerten Zuwachs auf. Offenbar müssen erst neue Konkurrenten wie Tesla um die Ecke kommen, bevor eine Branche die Notwendigkeit der Digitalisierung begreift, dann aber sofort aus einer defensiven Position heraus agieren muss.

Der Digitalisierungsgrad setzt sich aus drei Werten zusammen:

  • Wie groß ist der Einfluss der Digitalisierung auf den Geschäftserfolg?
  • Inwieweit sind die unternehmensinternen Prozesse und die Arbeitsabläufe auf die Digitalisierung ausgerichtet?
  • Wie hoch ist die Nutzungsintensität digitaler Geräte, Dienste und Technologien?

Weiterhin sehen 29 Prozent der Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft eine Digitalisierung des eigenen Unternehmens als nicht erforderlich an. 30 Prozent der Kleinstunternehmen, 21 Prozent der mittelständischen Unternehmen und elf Prozent der Großunternehmen teilen diese Einschätzung. Besonders hoch ist diese Einschätzung bei den Verkehrs- und Logistikunternehmen (52 Prozent) und unter der Unternehmen aus der Energie- und Wasserversorgung (51 Prozent). Der Meinung, dass Digitalisierung unnötig sei, teilen auch 48 Prozent der Einrichtungen des Gesundheitswesens und 42 Prozent der Unternehmen aus der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Auch 37 Prozent der Unternehmen aus dem Fahrzeugbau und 36 Prozent der Unternehmen des sonstigen verarbeitenden Gewerbes vertreten

Digitalisierung wird in Deutschland weiterhin als Instrument zur Kostensenkung gesehen, was direkt auf den technokratischen Industrie-4.0-Ansatz zurückzuführen ist. Neue Geschäftsmodelle oder Produkte spielen eine weit geringere Rolle.

Erstaunliche Ergebnisse bringt die Umfrage zum Einsatz von Innovationen. Danach haben nur 21 Prozent der Unternehmen aus dem verarbeitenden Gewerbe „Industrie-4.0-Projekte“ im Einsatz oder planen dies. 62 Prozent sehen Industrie 4.0 als nicht relevant an und weitere 17 Prozent haben sich noch nicht mit dem Thema befasst. Ähnlich hoch ist das Desinteresse an Big Data und noch höher an künstlicher Intelligenz. (Dazu passend mein Interview mit KI-Forscher Jürgen Schmidhuber: „Deutsche erkennen die weltverändernte Kraft künstlicher Intelligenz nicht“

Digital vernetzt sind die deutschen Unternehmen vor allem mit ihren Geschäftskunden (61 Prozent) und Lieferanten (51 Prozent). Deutlich geringer ist der Vernetzungsgrad mit privaten Endkunden (34 Prozent). Das ist zwar für B2B-Unternehmen nicht weiter wunderlich, trotzdem aber die Achillesferse der deutschen Wirtschaft. Denn die Endkundenbeziehungen sind in den vergangenen Jahren in vielen Märkten von den großen Plattformen wie Booking.com übernommen worden. Gerade diese Beziehungen werden im Internet der Dinge wichtiger, weil Hersteller und Endkunde plötzlich direkt über das vernetzte Produkt miteinander kommunizieren können.

Die Liste der Anforderungen an die Politik bedeutet wie in jedem Jahr eine Ohrfeige für Verkehrsminister Alexander Dobrindt, denn die Förderung des ihm unterstehenden Breitbandausbaus steht mit 86 Prozent Zustimmung an der Spitze, gefolgt von einem digitalisierungsfreundlichen Rechtsrahmen, den 81 Prozent der Befragten fordern. 63 Prozent sehen die Verringerung des Fachkräftemangels als besonders dringlich an.

Die Entscheidung, die Vectoring-Initiative der Deutschen Telekom nicht nur zuzulassen, sondern auch zu fördern, verzögert den dringend notwendigen Ausbau der Glasfaser.“Das 50-Mbit-Ziel ist nicht ambitioniert genug und Brückentechnologien wie Vectoring behindern den Fortschritt“, hieß es von SAP. Dieser Fehler fällt Deutschland bei der nächsten Mobilfunkgeneration 5G besonders hart auf die Füße, denn die superschnellen 5G-Netze benötigen Glasfaser, um die Daten entsprechend schnell weiterleiten zu können. Gut funktionierende 5G-Netze sind aber notwendig, um zum Beispiel die Vorteile autonomen Fahrens in vollem Umfang erschließen zu können. Für diese für Deutschland so wichtige Zukunftstechnologie fehlt uns ab dem Jahr 2020 die notwendige Infrastruktur. Der deutsche Sonderweg, Kupfer den Vorzug vor Glasfaser zu geben, erweist sich immer deutlicher als schwerer Fehler der Regierung. Von der vielbeschworenen Gigabit-Gesellschaft ist Deutschland also noch weit entfernt.

Die Quittung für die schwache Digitalpolitik bekam Deutschland auch gerade vom Schweizer World Competitiveness Center, das die digitale Wettbewerbsfähigkeit der Länder verglichen hat (PDF). Deutschland ist dabei um zwei Plätze auf Rang 17 gefallen. In der Region Europa/Mittlerer Osten und Afrika liegt Deutschland als mit Abstand wirtschaftlich stärkste Volkswirtschaft der Region nur auf Rang 10. Vor allem die schwache Regulierung und die Infrastruktur ziehen Deutschland nach unten. Besonders alarmierend: In der Kategorie „Future Readiness“ ist Deutschland seit 2014 von Rang 8 auf Rang 18 gesunken.

Trotzdem werden sich unsere Politiker auf dem Digital-Gipfel wieder gegenseitig auf die Schulter klopfen und die Erfolge der Digitalen Agenda feiern. Fakt ist aber: Deutschland fällt im digitalen Wettbewerb weiter zurück. Ein eigenes Digitalministerium in Berlin, ausgestattet mit der nötigen Kompetenz, wäre ein erster Schritt zum Aufholprozess.

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