Fabriken und Städte sind die größten Profiteure vom Internet der Dinge

Das „Internet der Dinge“ umfasst neben Computern und Smartphones auch Milliarden physischer Produkte. Die steigende Vernetzung bringt erhebliche Effizienzvorteile, vor allem in Fabriken und Städten.

Das Internet der Dinge läutet die nächste große Entwicklungsstufe der digitalen Wirtschaft ein. Maschinen, Transportmittel, aber auch alle langlebigen Konsumgüter werden mit Mikroprozessoren und/oder Sensoren ausgestattet und damit Teil des Internet. Die moderne Informationstechnik ist dann nicht mehr auf Computer und Smartphones beschränkt, sondern wird auf Milliarden physischer Produktionsfaktoren und Konsumgüter ausgeweitet.

Dieser Anstieg des Vernetzungsgrades wird auch das Wohlfahrtsniveau in der Welt erhöhen. Dieser „ökonomische Wert“ des Internet der Dinge geht weit über die direkten Umsatzzuwächse hinaus, die auf verkaufter IOT-Ausrüstung oder Dienstleistungen beruhen. Er umfasst auch die Effizienzgewinne, wenn eine Fabrik höher ausgelastet wird, wenn weniger Abfall anfällt oder Energie gespart wird. Zudem fließen die Gegenwerte gesparter Zeit oder besserer Gesundheit sowie die IOT-Konsumentenrente in den Gesamtbetrag ein. Diese Konsumentenrente misst den Wert, den die Verbraucher für ein Produkt über den tatsächlichen Preis hinaus zu zahlen bereit gewesen wären. Ein Beispiel hierfür wäre ein Fitnesstracker, der Herzdaten direkt zum Arzt überträgt und den Patienten damit die Sicherheit gibt, rechtzeitig vor Problemen gewarnt zu werden. Die Patienten bewerten diese Sicherheit wahrscheinlich deutlich höher als den Kaufpreis des Fitnesstrackers, was zu einer positiven Konsumentenrente führt.

McKinsey versucht in der Studie (PDF), den Wohlfahrtseffekt des Internet der Dinge zu messen. In den betrachteten IOT-Gebieten (Fabriken, Städte, Büros, Menschen, Fahrzeuge, Verkehrswege, Handel und Smart Home) können bis zum Jahr 2025 weltweit zusammen bis zu 11,1 Billionen Dollar Mehrwert geschaffen werden. Diese Zahl ist aber nur erreichbar, wenn die Interoperabilität der IOT-Systeme hergestellt wird und wenn die vorhandenen Daten effektiv genutzt werden, gibt also nur den theoretisch erreichbaren Höchstwert an.

Interessant ist auf jeden Fall die Verteilung der möglichen Zuwächse: 90 Prozent der Vorteile entfallen auf die Anwender, also Unternehmen und Verbraucher, die vor allem von günstigeren Preisen und gesparter Zeit profitieren. B2B-Anwendungen haben einen größeren ökonomischen Einfluss als B2C-Nutzungen. „Derzeit stehen beim Internet der Dinge noch überwiegend konsumentennahe Produkte wie Smartwatches oder selbstfahrende Autos im Vordergrund. Langfristig bieten jedoch Business-to-Business-Anwendungen wie in der ‚Industrie 4.0‘ oder in der digitalisierten Logistik größeres Potenzial“, sagt Harald Bauer von McKinsey. „Im Maschinenbau sind beispielsweise datenbasierte Geschäftsmodelle möglich, in der die Nutzung von Anlagen je nach Verfügbarkeit abgerechnet wird.“ Derzeit werde aber nur ein Bruchteil der Daten, die in der Produktion anfallen, überhaupt genutzt.

Die größten Potenziale sehen die Berater also in den Effizienzsteigerungen in den Fabriken („Industrie 4.0), gefolgt von den Städten, den Verkehrswegen (inklusive der selbstfahrenden Autos) und dem stationären Handel. Vergleichsweise gering werden dagegen die ökonomischen Werte des IOT-Einsatzes in tragbaren Geräten (Wearables) und in den Smart Homes eingestuft.

IOT-McKinsey

Menschen (170 bis 1600 Milliarden Dollar)

Der ökonomische Wert einer besseren Überwachung der Körperfunktionen zur Gesundheitsvorsorge wird auf mindestens 170 Milliarden Dollar bis 2025 geschätzt. Ein wesentlicher Teil dieses Wertes macht die Kostensenkung für die Behandlung chronisch Kranker aus, deren Gesundheitszustand künftig viel einfacher und günstiger überprüft werden kann als durch wiederholte Arztbesuche.

Smart Home (200 bis 350 Milliarden Dollar)

Die Zeitersparnis als Folge der Automatisierung lästiger Haushaltsarbeiten und die Energieersparnis durch intelligente Heizsysteme wie Nest oder Tado liefern die beiden größten Beiträge für den ökonomischen Wert smarter Häuser.

Handel (410 bis 1200 Milliarden Dollar)

Im stationären Handel sehen die Berater einen erreichbaren ökonomischen Wert von bis zu 1,2 Billionen Dollar. Die wesentlichen Beiträge liegen im automatisierten Checkout (bis zu 380 Milliarden Dollar in Form erheblicher Zeitersparnis) und Realtime-Werbung in den Geschäften, die eine deutlich steigende Produktivität auslösen können.

Büros (70 bis 150 Milliarden Dollar)

Die Büros, definiert als die Arbeitsplätze der Wissensarbeiter, weisen einen potenziellen ökonomischen Effekt zwischen 70 und 150 Milliarden Dollar auf. Die wichtigsten Aspekte sind eine bessere Erfassung der mobilen Arbeitnehmer, was zu sinkenden Lohnkosten führt, und eine Neuordnung der Organisation, die zur Produktivitätssteigerung der Wissensarbeiter um immerhin 3-4 Prozent führen kann. Auch Produktivitätszuwächse durch den Einsatz von Augmented Reality und Energieersparnis können in den Büros zu Verbesserungen führen.

Fabriken (1210 bis 3700 Milliarden Dollar)

Der Großteil der ökonomischen Vorteile, die das Internet der Dinge bringt, liegt in einer deutlichen Kostensenkungen in den Fabriken. Bis zu 12,5 Prozent der Produktionskosten könnten gespart werden, wenn die einzelnen Produktionsfaktoren intelligent miteinander vernetzt werden, erwarten die Berater. Das entspricht bis zu 1,8 Billionen Dollar. Auch die vorausschauende Wartung der Maschinen (Predictive Maintenance) und ein effizienteres Inventar-Management bergen große Möglichkeiten, die Kosten zu reduzieren.

Externe Produktionsstätten (160 bis 930 Milliarden Dollar)

Als externe Produktionsstätten werden Arbeiten außerhalb der Fabriken definiert, die sich stetig ändern, nicht vorhersehbar sind und oft in einem gefährlichen Umfeld stattfinden. Dazu gehören die Öl- und Gasförderung, aber auch Baustellen. Schon heute arbeiten 30000 Sensoren in modernen Ölplattformen, um den Betrieb zu optimieren. Hier schlummern noch einige Möglichkeiten, die Produktivität zu steigern. Auch die vorausschauende Wartung der Maschinen könnte die Instandhaltungskosten in erheblichem Umfang senken, erwarten die Berater.

Autos (210 bis 740 Milliarden Dollar)

Vernetzte Autos können die Unfallschäden ebenso reduzieren wie die Wartungskosten. Versicherungen, die auf der tatsächlichen Nutzung und dem Fahrverhalten basieren, können besser zugeschnittene Verträge anbieten. Allerdings ist das nur in der Übergangsphase zum selbstfahrenden Auto so, denn dann werden keine Kfz-Versicherungen mehr benötigt – weil die autonomen Autos keine Schäden verursachen. (Die ökonomischen Vorteile der selbstfahrenden Autos sind in Punkt 9 (Verkehr) erfasst).

Städte (930 bis 1660 Milliarden Dollar)

Das Internet der Dinge wird den Städten erhebliche Vorteile bringen. Schon im Einsatz sind Überwachungssysteme für Luft- und Wasserqualität, die viele Menschenleben retten können. Der zweite große Teil ist ein vorausschauendes Verkehrsmanagement, das zum Beispiel die Suche nach einem Parkplatz erheblich verkürzen kann. Zudem senken selbstfahrende Autos die Kohlendioxid-Emissionen in den Städten. Intelligent vernetzte öffentlichen Transportsysteme, die zum Beispiel nur dann fahren, wenn auch Bedarf besteht (und nicht wenn der Fahrplan es vorsieht), bergen ebenfalls beachtliche Sparpotenziale.

Verkehr (560 bis 860 Milliarden Dollar)

Obwohl die ersten selbstfahrenden Google-Autos gerade auf den Straßen Kaliforniens auftauchen, wird ihr flächendeckender Einsatz weit länger als zum Jahr 2025 benötigen. Daher fließt der ökonomische Wert der selbstfahrenden Autos in dieser Rechnung nur mit etwa 240 Milliarden Dollar ein. Langfristig wird der Effekt durch die Vermeidung herumstehender Autos, unnötiger Unfälle, vermeidbarer Staus, unproduktiv wartender Taxifahrer und nicht benötigter Versicherungen wohl weit höher ausfallen. Daher haben die Effizienzgewinne durch eine intelligente Verkehrsführung für Lastwagen in dieser Berechnung den größten Anteil am ökonomischen Wert des Internet der Dinge für die Städte mit bis zu 460 Milliarden Dollar.

Die Studie zeigt die Spannweite der Effekte, die das Internet der Dinge für Verbraucher, Wirtschaft und Städte bringen kann.  Dabei wird klar: Das Internet der Dinge wird einen weit größeren Einfluss bekommen als das Internet in den ersten 20 Jahren seines Bestehens schon hat. Was für diesen Wandel zu tun ist, habe ich in meinem Vortrag zum „Internet der Dinge als nächstem großen Schritt in die digitale Wirtschaft“ zusammengefasst.

1 Antwort
  1. Jochen Adam sagte:

    Vielen Dank für den Link zur Untersuchung von McKinsey und die übersichtliche Zusammenstellung der Kernbefunde der Studie. Auch wenn diese bestimmte interessante Bereiche leider ausklammert oder nur streift (z.B. Landwirtschaft, Bildungswesen, Rüstung, Freizeit/Unterhaltung), liefert sie ein sehr interessantes und, dank vieler nachvollziehbarer Beispiele, sehr anschauliches Bild von dem ökonomischen Mehrwert, den die zunehmende Digitalisierung und die weltweite Vernetzung haben könnte.
    Was ich etwas vermisse, ist der Gegenpol hierzu – die Kosten, die mit der Implementierung der notwendigen Technologien, der Umrüstung ganzer Industriezweige, der Einrichtung und konsequenten Weiterentwicklung neuer Sicherheitstechnologien etc. einhergehen. Es wäre interessant zu erfahren, wie diese eingeschätzt werden und inwiefern sie den tatsächlichen Mehrwert schlussendlich schmälern.
    Davon abgesehen aber eine hochinteressante Lektüre zum Thema IoT und dem potenziellen Mehrwert der Vernetzung.

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