Die Digitalisierung gefährdet 5 Millionen Jobs in Deutschland

Roboter oder intelligente Software gefährden bis zu 5 Millionen Jobs in Deutschland, sagt eine ZEW-Studie. Zu Verwerfungen am Arbeitsmarkt werde die Digitalisierung dennoch nicht führen, meinen die Forscher ganz im Sinne ihrer Auftraggeberin Andrea Nahles. Doch andere Wissenschaftler sind ganz anderer Meinung.

Die Wissenschaftler Carl Frey und Michael Osborne haben in einer vielbeachteten Studie ausgerechnet, dass 47 Prozent aller Jobs in den USA in den kommenden 10 bis 20 Jahren von intelligenten Robotern oder Software ersetzt werden könnten. Das Mannheimer Forschungsinstitut ZEW hat diese Studie nun auf Deutschland übertragen. Ergebnis: 42 Prozent der Erwerbstätigen hierzulande arbeiten in Berufen mit hoher Automatisierungswahrscheinlichkeit, was 18 Millionen gefährdeten Jobs entspricht. Werden aber statt der Berufe die konkreten Tätigkeiten betrachtet, seien nur noch 12 Prozent oder umgerechnet 5 Millionen Jobs in Gefahr, lautet das Fazit der ZEW-Forscher. Und auch diese Zahl könnte noch zu hoch ausfallen, da das technische Potenzial meist überschätzt und die Anpassungsfähigkeit der Menschen meist unterschätzt werde, beruhigen die ZEW-Forscher ihre Auftraggeberin, Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles. „Insgesamt bleiben größere Gesamtbeschäftigungseffekte durch zukünftigen technologischen Wandel daher unwahrscheinlich“, vermuten die Mannheimer. Mehr Bildung könne trotzdem nicht schaden, um die bevorstehenden Anpassungen für das „Arbeiten 4.0“ leichter zu bewältigen.

Nun ist technischer Fortschritt, der die Arbeitsproduktivität erhöht, sinnvoll und ohnehin nicht aufzuhalten. Und die Digitalisierung wird auch eine Menge Jobs schaffen oder bestehende Arbeitsplätze sichern. Doch eine Diskussion über die Folgen für den Arbeitsmarkt und die Bildung ist trotzdem nötig. Denn die Mannheimer Beruhigungspille steht im Gegensatz zu anderen Wissenschaftlern, die zumindest mittelfristig Turbulenzen am Arbeitsmarkt vorhersagen. „Viele Arbeitnehmer werden das Tempo der Digitalisierung nicht mitgehen können – sie werden zurückbleiben. Das ist ein ernstes Problem und damit müssen wir uns beschäftigen“, sagt MIT-Forscher Andrew McAfee. Die Routine-Jobs der Wissensarbeiter seien besonders gefährdet, zum Beispiel Buchhalter. „Auch die meisten, wenn nicht sogar alle Tätigkeiten von Anlageberatern können und sollten Computer erledigen – weil sie darin einfach besser sind als Menschen. Der Ersatz des Menschen durch Maschinen wird die Skala der geistigen Fähigkeiten hinaufklettern. Und natürlich wird es auch in der Produktion zu weiterem Maschineneinsatz kommen. Roboter in Lagerhäusern oder selbstfahrende Autos sind echte Innovationen, die in den kommenden fünf bis zehn Jahren für einige Umwälzungen führen werden“, sagt McAfee voraus, Co-Autor des Buches „Second Machine Age“.

Maschinen dringen nun in Bereiche vor, die ihnen bisher verschlossen waren

Tatsächlich haben industrielle Revolutionen in der Vergangenheit stets zu mehr Arbeitsplätzen geführt, auch wenn die Anpassungsphasen nicht immer reibungslos liefen. Bisher galt der Grundsatz, dass eine steigende Arbeitsproduktivität zu Wachstum und damit zu neuen Jobs führen wird. Technischer Fortschritt hat die Arbeitslosigkeit also gesenkt, was als Kapitalisierungseffekt bezeichnet wird. Allerdings führen neue Technologien auch zu einer stärkeren Reallokation der Arbeit. Das heißt: Viele Jobs fallen weg und dementsprechend müssen sich viele Arbeitnehmer neue Stellen suchen. Es kommt also auch zu einer erhöhten Such-Arbeitslosigkeit, was als kreative Zerstörung bezeichnet wird. Die beiden Effekte wirken gegeneinander; der Netto-Effekt entscheidet, ob die Arbeitslosigkeit steigt oder fällt.

Nach Ansicht von Frey/Osborne dominierte in der Vergangenheit stets der Kapitalisierungseffekt, weil der technische Fortschritt wie die Einführung der Dampfmaschine oder die Automatisierung der Fabriken vergleichsweise langsam voranschritt. Das könnte sich nun aber ändern: Der technologische Wandel findet nicht nur auf einem Gebiet, sondern parallel in fast allen Wirtschaftsbereichen statt. Künstliche Intelligenz, Roboter, selbstfahrende Autos, Drohnen, 3D-Druck, Sensoren oder Big Data sind die Schlagworte für anstehende Umwälzungen in den Fabriken ebenso wie in den Verwaltungen der Unternehmen oder im Transportsektor. Maschinen dringen jetzt in Bereiche vor, die ihnen bisher verschlossen waren. Künstliche Intelligenz kann zum Beispiel Zehntausende Sachbearbeiter in Versicherungen freisetzen. Auch Buchhalter, Anlageberater oder Makler gehören zu den gefährdeten Berufen, da ihre Jobs vorwiegend aus „manueller Datenverarbeitung“ bestehen, was Computer besser können. Erstmals werden also nicht nur manuelle Tätigkeiten (wie die Lagerarbeiter durch selbstfahrende Logistikroboter) ersetzt, sondern auch kognitive Jobs substituiert werden. Diese Breite der Substitution von Arbeit durch Kapital war bisher in keiner Phase technischen Fortschritts zu beobachten, was die Gefahr eines negativen Nettoeffektes, also steigender Arbeitslosigkeit, erhöht.

Um die Arbeitsplatzeffekte abzuschätzen, haben Frey und Osborne die Berufe nach Automatisierungswahrscheinlichkeiten zwischen 0 und 100 Prozent aufgeteilt. Als niedriges Risiko gilt eine Wahrscheinlichkeit unter 30 Prozent; ein hohes Risiko beginnt bei einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent. Nach Ansicht von Frey und Osborne werden in der ersten Automatisierungswelle in den kommenden 10 bis 20 Jahren etwa 47 Prozent der Arbeitsplätze in den USA, die einem hohen Risiko unterliegen, durch Maschinen ersetzt. Dabei gilt: Je geringer der Lohn und das Ausbildungsniveau, desto höher ist die Automatisierungswahrscheinlichkeit in der jeweiligen Berufsgruppe. Danach schreitet die Automatisierung allerdings nur noch langsam voran, da zuerst technische Engpässe überwunden werden müssen.

Übertragung der Frey/Osborne-Ergebnisse auf Deutschland

Die ZEW-Forscher haben die Automatisierungswahrscheinlichkeiten der Berufe auf Deutschland übertragen. Danach arbeiten hierzulande weniger Menschen in Berufen mit sehr hoher Automatisierungswahrscheinlichkeit (>90 %). Stattdessen haben sich mehr Beschäftigte Berufe gesucht, die eine geringe Wahrscheinlichkeit aufweisen, bald durch Maschinen ersetzt zu werden. Allerdings sind die Unterschiede nicht allzu groß: Während in den USA nach ZEW-Berechnungen 49 Prozent der Beschäftigen zu der Gruppe mit hohem Automatisierungsrisiko gezählt werden, sind es in Deutschland 42 Prozent. Dieser Wert fällt geringer aus als die 51 Prozent, die Jeremy Bowles im vergangenen Jahr für Deutschland ausgerechnet hat.

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Weil sich die tatsächlichen Aufgaben auch innerhalb einer Berufsgruppe stark unterscheiden, wurden nicht Berufe, sondern Tätigkeiten betrachtet. Wer also in einem ansonsten als gefährdet eingestuften Beruf eine analytische oder interaktive Tätigkeit ausführt, weist dann ein geringeres Automatisierungsrisiko auf. Im Ergebnis werden viele hohe (und auch ganz niedrige) Risiken auf ein mittleres Niveau transformiert, so dass die Verteilung der Automatisierungswahrscheinlichkeit ihre höchsten Werte in der Mitte aufweist. Das Ergebnis hört sich dann auch viel besser an: Statt 42 Prozent weisen nur noch 12 Prozent der Tätigkeiten eine hohe Automatisierungswahrscheinlichkeit auf. Statt 18 Millionen laufen nach dieser Rechnung nur noch 5 Millionen Jobs Gefahr, bald von Robotern oder Software substituiert zu werden.

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Hohes Risiko für Menschen mit geringem Einkommen und Bildungsniveau

Die Gefahr schwankt erheblich mit der formalen Bildung. Menschen, die nur über eine Elementarbildung verfügen, weisen eine Automatisierungswahrscheinlichkeit von 80 Prozent auf, während nur 18 Prozent der Promovierten um ihre Jobs bangen müssen. Ähnlich sieht der Zusammenhang zwischen Einkommen und Automatisierungswahrscheinlichkeit aus: Die Beschäftigten mit den 10 Prozent geringsten Einkommen weisen eine Wahrscheinlichkeit von 61 Prozent auf, während die Gutverdiener am oberen Ende nur 20 Prozent aufweisen.

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Nach Ansicht der ZEW-Forscher bedeuten die Ergebnisse nicht, dass tatsächlich 5 Millionen Jobs wegfallen. Denn häufig neigten Experten, auch die von Frey/Osborne befragten, zu einer Überschätzung der technischen Substitutionsmöglichkeiten. Zudem können Menschen, deren bisherige Tätigkeiten von einem Roboter übernommen werden, auf andere, weniger gefährdete Jobs ausweichen, was in der Frey/Osborne-Studie nicht berücksichtigt sei. Ebenso wenig wie die neu geschaffenen Jobs durch die erhöhte Arbeitsproduktivität. Deutschland gehört zu den vier Ländern weltweit (neben den USA, China und Südkorea), die den Einsatz von Industrierobotern massiv vorantreiben. Erste Untersuchungen zu den Effekten des Robotereinsatzes von Graetz und Michaels zeigen einen Anstieg der Arbeitsproduktivität, der Wertschöpfung und der Löhne, aber auch einen Ersatz vor allem niedrig ausgebildeter Arbeitskräfte. Einen signifikanten Einfluss auf die Beschäftigung konnten die Forscher allerdings nicht finden. (Allerdings beziehen sich ihre Daten auf den Zeitraum zwischen 1993 und 2007, können daher den technischen Fortschritt der vergangenen Jahre nicht verarbeiten.)

Bildung ist die Antwort auf Automatisierung

Ganz untätig können aber weder Arbeitnehmer noch Politiker die Digitalisierung abwarten. „Das Aufgabenspektrum von Arbeitskräften wird sich voraussichtlich verändern. Zukünftig könnte sich menschliche Arbeit stärker auf komplexe, nicht-automatisierbare Aufgaben konzentrieren, die Qualifikationsanforderungen könnten steigen. Die Automatisierungswahrscheinlichkeit liefert somit wichtige Hinweise darauf, in welchen Berufen der Anpassungsdruck an zukünftige Automatisierungstechnologien vergleichsweise hoch ist und welche Personenkreise künftig auf eine stärkere Unterstützung angewiesen sein könnten, um sich im Wandel anzupassen und ihre Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten. Dies könnte ein Ansatzpunkt für politische Maßnahmen sein, gefährdete Beschäftigungsgruppen zielgerichtet auf den Wandel vorzubereiten und im Wandel zu begleiten“, heißt es im ZEW-Bericht.

„Bundesregierung muss Digitalisierung endlich ernst nehmen“

„Ende letzten Jahres sprach die Kanzlerin noch vom digitalen Jobwunder – eine Prognose, die schon damals vom Wirtschaftsministerium nicht bestätigt werden konnte. Und jetzt erklärt die Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles, dass durch Digitalisierung und Automatisierung mittelfristig rund fünf Millionen Jobs in Frage gestellt werden“, kritisiert Dieter Janecek, wirtschaftpolitischer Sprecher Bündnis90/Die Grünen im Bundestag. „Es wird Zeit, dass die Bundesregierung die Digitalisierung und deren Folgen für Wirtschaft und Arbeitswelt endlich ernst nimmt: Für 30.000 Jobs in der Kohleindustrie opfern die Kanzlerin und ihr Wirtschaftsminister mal eben die deutschen Klimaschutzziele, wenn aber 5 Millionen Jobs durch die Digitalisierung in Frage gestellt werden, dann sieht die Bundesarbeitsministerin diesem Strukturwandel gelassen entgegen“.

Neben Änderungen im Bildungswesen wird die zunehmende Substitution von Arbeit durch Kapital auch Auswirkungen auf die Sozialsysteme haben. Müssen Roboter künftig in die Renten- und Arbeitslosenversicherung einzahlen? Was passiert, wenn die Schere zwischen den hochbezahlten Spezialisten, die Roboter bauen und weiterentwickeln, und den freigesetzten Arbeitskräften mit geringem Bildungsniveau noch viel weiter aufgeht als heute?

3 Kommentare
  1. Selim Oezkan sagte:

    Wie wäre es damit: Die Digitalisierung entlastet 5 Millionen Menschen in Deutschland, die sich jetzt endlich um ihre persönlichen Ziele kümmern können, diese suchen, finden und kreativ werden. Am Besten diese Utopie: 50 Millionen (oder besser 83 Millionen) Menschen in Deutschland müssten sich überhaupt nicht mehr um Rechner und Mobiles kümmern – da diese Solarenergie produzieren, Wasser aufbereiten, Müll in Energie umwandeln, …
    Konsum transmutiert in Kreation: Ja eben – das ist die eben eine Utopie.

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  2. Markus Wolff sagte:

    Schön zusammengefasst und veranschaulicht – für jemanden, der in der IT arbeitet, jedoch eine Menge „stating the obvious“. Die interessanteste Auswirkung des digitalen Wandels wird leider erst ganz am Ende mit einem Satz abgefrühstückt:

    „Neben Änderungen im Bildungswesen wird die zunehmende Substitution von Arbeit durch Kapital auch Auswirkungen auf die Sozialsysteme haben.“

    Das jedoch ist der interessanteste Punkt – und zugleich der, mit dem sich seit Jahrzehnten niemand ernsthaft auseinanderzusetzen scheint. Wie kann das künftig aussehen? Meiner Ansicht nach müsste hier radikal umgebaut werden, aber abseits des BGE (für das bisher meiner Kenntnis nach noch niemand (in Europa) Studien vorgelegt hat, ob und wen ja wie dies zu finanzieren wäre und das ohnehin gerne in den Köpfen schon gegen ideologische Wände fährt) habe ich noch keine ernsthaften alternativen Vorschläge gehört.

    Wie kann unser Sozialsystem in 50 Jahren aussehen?

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  3. Anne Schmeltzer sagte:

    Interessanter Artikel, wenn auch nichts wirklich neues.
    Aber jetzt, da (hoffe ich) bei den meisten angekommen sein dürfte, dass sich etwas ändert, wird es erst wirklich interessant. Welche Möglichkeiten gibt es? Wie könnte eine „Lösung“ aussehen?

    Ich schließe mich Herrn Wolff an. Wie wird das in Zukunft aussehen? Wie werden wir damit umgehen?
    Wie wird das sich das Sozialsystem verändern? Ist das BGE wirklich so unrealistisch wie es oft dargestellt wird?
    Wie wird Bildung in Zukunft gestaltet? Was wird unterrichtet und auf welche Art und Weise?

    Bei „Die digitale Meisterschaft der Branchen“ und „In jeder Branche gibt es schon digitale Meister“ (Präsentation „Die Techs kommen“) vermisse ich leider die Bildung. Wo wäre sie Ihrer Meinung nach einzuordnen?

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