„Wir stehen vor einer Phase großer Disruptionen“

Die Welt steht an einem digitalen Wendepunkt: Die Erntephase der Digitalinvestitionen beginne jetzt, verbunden mit vielen digitalen Disruptionen, in denen immer mehr etablierte Unternehmen ihre Wettbewerbsvorteile verlieren. In der Software vollziehe sich der technische Fortschritt schneller als gedacht, in der Hardware dagegen langsamer.

ChatGPT ist nur ein Vorbote für die digitale Disruptionen, die vor uns liegen. Die Blaupause dafür hat Stanford-Professor Erik Brynjolfsson (gemeinsam mit Andrew McAfee) schon 2014 im Bestseller „Second Machine Age“ geschrieben. Brynjolfsson erforscht den Zusammenhang zwischen Technologie und Wirtschaft seit Jahrzehnten – und sieht die Welt nun an einem digitalen Wendepunkt: „Die Unternehmen haben in den vergangenen Jahren viel Geld in digitale Technologien wie Künstliche Intelligenz investieren. Um diese Investitionen in Produktivität umzuwandeln, sind aber große Änderungen in den Geschäftsprozessen nötig, die bis zu einem Jahrzehnt dauern können. In dieser Zeit sinkt die gemessene Produktivität der Unternehmen zunächst, bevor die positiven Effekte einsetzen. Diese Erntephase hat gerade begonnen und bringt uns auf den aufsteigenden Ast der Produktivitäts-J-Kurve. Meine Prognose lautet, dass wir in diesem Jahrzehnt eine sehr starke Periode steigender Produktivität sehen werden“, sagte Brynjolfsson dem Netzökonom-Blog am Rande der Burda-Digitalkonferenz DLD.

Mit den Disruptionen verlieren Incumbents ihre Vorteile

Erik Brynjolfsson (Foto: Holger Schmidt)

„Wir werden jetzt viele Reorganisationen sehen, weil Maschinen aufgrund des technischen Fortschritts viele Aufgaben, die bisher Menschen erledigt haben, übernehmen können. Wir stehen vor einer Phase großer Disruptionen, in der viele Incumbents ihre Vorteile verlieren werden“. Das gelte nicht nur für Softwareunternehmen, sondern für alle Firmen. „Anwaltskanzleien werden disrupted, Hollywood wird disrupted, auch der Handel und die Medien – alle Branchen, die digitalisiert sind“, erwartet der Wissenschaftler.

Ein wichtiger Grund seien die neuen Sprachmodelle wie ChatGPT. Sie betreffen Menschen, die schreiben, kreativ sind. Diese Menschen werden mit der neuen Technologie viel effektiver sein als zuvor. „In einer modernen Volkswirtschaft schreiben sehr viele Menschen – nicht nur Journalisten, sondern auch Rechtsanwälte oder Ärzte. Informationstätigkeiten werden in großem Stil verändert“, erwartet Brynjolfsson.

Sprachmodelle wie ChatGPT hätten sich schneller entwickelt als gedacht. „Aber im Prinzip macht ChatGPT genau das, was wir erwartet haben: Maschinen übernehmen Aufgaben, die zuvor nur Menschen erledigen konnten. Und sie gehen darüber hinaus: Denken Sie nur an die Sequenzierung von Proteinen. Wir müssen über den Menschen als Benchmark für Intelligenz hinausdenken“, fordert Brynjolfsson.

Robotereinsatz beschleunigt sich rapide

Der Einsatz der Maschinen nehme stetig zu. „Wir haben gerade die Roboter-Nutzung in den USA untersucht. Wir haben dafür zum ersten Mal Daten in großem Umfang erhoben und festgestellt, dass die Einsatzrate in den USA gerade sehr schnell steigt – auch im internationalen Vergleich“, erklärt Brynjolfsson. Steigende Löhne, ein ausgelasteter Arbeitsmarkt, die demographische Entwicklung und mehr Resilienz in der Produktion: Gründe für eine steigende Automatisierung gibt es genügend.


Nach Angaben der Association for Advancing Automation haben die nordamerikanischen Unternehmen in den ersten neun Monaten des Jahres 35.804 Roboter geordert, 24 Prozent mehr als im Vorjahr. „Anhaltender Arbeitskräftemangel, einfachere Roboterlösungen und neue Branchen, die sich der Robotik zuwenden, zum Beispiel die Gastronomie, der Einzelhandel, das Baugewerbe und sogar die Landwirtschaft, haben dazu geführt, dass in diesem Jahr in Nordamerika ein Rekord an Einheiten verkauft wurde“, sagte Jeff Burnstein, Präsident von A3. „Investitionen in die Automatisierung werden zunehmend als notwendiger Schritt für die Erledigung vieler schwierig zu besetzender Aufgaben angesehen, die heute für den Wettbewerb notwendig sind, und wir sehen das Jahr 2022 mit einem weiteren Rekordhoch abschließen.“ Noch viel stärker beschleunigen allerdings die Chinesen gerade die Automatisierung ihrer Fabriken, zeigen Daten der International Federation of Robotics.


Die wahre Disruption geht von der Software aus

Trotz dieser Fortschritte finde die wahre digitale Disruption gerade in der Software statt: „Die Geschwindigkeit des Fortschritts in Bits (also Software) vollzieht sich viel schneller als in Atomen, also der physischen Welt. In „Second Machine Age“ haben wir das Tempo des Fortschritts in kognitiven Aufgaben unterschätzt, aber den Fortschrittstempo in der physischen Welt wie Robotics überschätzt“, gibt er zu.

Die aktuelle Entlassungswelle in Tech-Unternehmen wie Amazon, Meta oder Salesforce sei gut für die amerikanische Volkswirtschaft. „Elon Musk hat bei Twitter gezeigt, dass Tech-Firmen sogar mit der Hälfte der Beschäftigten betriebenen werden können, weil diese Unternehmen auf Software und Plattformen aufbauen.“ Die Wachstumsraten der Unternehmen könnten zwar etwas zurückgehen, aber die Gewinne werden explodieren.

Was aber noch wichtiger sei: Die freigesetzten Tech-Spezialisten können nun für die 95 Prozent der Unternehmen außerhalb des Tech-Sektors arbeiten – und dort sind sie wertvoller, zum Beispiel im Handel, in der Produktion oder im Finanzsektor. „Bisher war es für Unternehmen in diesen Branchen sehr schwierig, Digital-Spezialisten einzustellen, weil das Lohnniveau extrem hoch war. Es sind also gute Nachrichten für die Volkswirtschaft, wenn diese Arbeitskräfte nun vom Tech-Sektor in andere Bereiche der Wirtschaft wechseln“, erwartet der Wissenschaftler.

Europäische Regulierung hilft US-Konzernen

Im internationalen Wettbewerb sieht er die USA am besten positioniert. „Die USA besitzen die meisten Elemente, um erfolgreich zu sein. Europa hat einige kulturelle Hürden, die Unternehmertum und Dynamik bremsen. Natürlich gibt es auch in China und Europa viele schlaue Leute, aber das Ökosystem erscheint mir in den USA am komplettesten zu sein“. Der Hoffnung, die Tech-Regulierung in Europa könne sich als Standortvorteil erweisen, erteilt der Professor aber eine Absage: „Einige Regulierungsschritte in Europa waren hilfreich, andere dagegen kontraproduktiv. Der Digital Markets Act und der Digital Services Act in der EU können Innovation und Wettbewerb ausbremsen. Die großen US-Tech-Firmen waren auch über einige Datenschutzregelungen in der EU ganz glücklich, weil diese den Markteintritt von Startups erschwert und ihre Gewinne erhöht haben. Das war sicher kein beabsichtigter Effekt“.

Brynjolfsson und McAfee haben auf dem DLD auch über die Tech-Lücke zwischen den USA und Europa diskutiert. Ihre These: Der Unterschied wird größer, weil Europa zu viele kulturelle Hürden aufbaut.

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