WhatsApp soll Facebook Milliarden Nutzer holen

Zuckerbergs Wette: WhatsApp wird für Facebook die nächste 1, 2 oder 3 Milliarden Nutzer holen.

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In einem spektakulären Deal kauft Facebook die Messaging-App WhatsApp für 16 Milliarden Dollar; weitere 3 Milliarden Dollar in Aktien für die 55 Mitarbeiter werden fällig, wenn sie über einen längeren Zeitraum dabei bleiben, kündigte Facebook in einem Blogbeitrag an. „WhatsApp ist auf dem Weg, eine Milliarde Nutzer zu erreichen“, nannte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg als Grund für die höchsten Preis, der jemals für ein Start-up bezahlt wurde – was zuvor neben Facebook nur noch Google geschafft hat. Damit hat Facebook nach Instagram schon zwei seiner drei ärgsten Rivalen um die Gunst der Jugend aufgekauft. Fehlt nur noch Snapchat.

Für Facebook ist dieser Deal ein richtiger Schritt:

  • Wer eine Zeitlang auf Facebook war, hat zu viele „Freunde“. Für die private Kommunikation mit den echten Freunden sind viele Menschen daher zu WhatsApp gewechselt. Besonders stark ist dieser Wandel in Europa zu beobachten, wo WhatsApp klarer Marktführer ist, während in Amerika noch der Facebook Messenger in Führung liegt. Facebook hat damit fast ein Monopol auf die Kommunikation.
  • WhatsApp ist zwar nur einer von einer Handvoll Messaging-Apps mit mehr als 100 Millionen Nutzern. Aber das puristische WhatsApp ist der größte und am schnellsten wachsende Dienst, der das Ziel hat, wie ein Versorger eines Tages von jedem Menschen genutzt zu werden. Damit lässt sich auch die Kaufsumme rechtfertigen: . „Wir denken in großen Dimensionen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis jeder auf diesem Planeten ein Smartphone in der Hand hat. Rechnen Sie mal mit fünf Milliarden Geräten. Wenn alle einen Dollar im Jahr an uns zahlen, dann ist das viel Geld“, sagte CEO Jan Koum, dessen Anteil 6,8 Mrd. Dollar beträgt.

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WhatsApp ist heute mit rund 450 Millionen Nutzern in aller Welt der größte Messaging-Dienst; in Deutschland sind es schon 30 Millionen. Täglich werden 500 Millionen Fotos geteilt und 200 Millionen Sprachnachrichten versendet. 70 Prozent der Nutzer sind jeden Tag aktiv und täglich kommen eine Million neue Nutzer hinzu. Das Volumen der täglichen Nachrichten entspricht etwa dem weltweiten SMS-Aufkommen, sagte der Facebook-CFO David Ebersman. Das bedeutet: Facebook zahlt 42 Dollar je aktivem Nutzer, der jährlich genau 1 Dollar Umsatz in die Kasse spült.

Apps statt Betriebssystem

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Zuckerberg dürfte sich besonders geärgert haben, dass WhatsApp große Teile der täglichen Kommunikation mit den echten Freunden an sich gezogen hat. Neben WhatsApp war zuletzt auch der asiatische Konkurrent WeChat im mobilen Web an Facebook herangerückt. Auch die 900 Millionen Dollar, die der japanische Online-Händler Rakuten in der vergangenen Woche für den israelischen Messaging-Dienst Viber zahlte, zeugen vom großen Interesse an diesem Mobil-Markt, in dem Facebook schon mehr als die Hälfte seines Umsatzes erwirtschaftet. “Wer heute über­le­ben will, braucht eine Messaging-App, weil dort die Nut­zer aktiv sind”, sagte Rakuten-CEO Hiro­shi Miki­tani zur Begründung für den hohen Preis. 

In einer ersten Reaktion an der Börse sank die Facebook-Aktie um etwa 4 Prozent, weil die Anleger den Kauf als zu teuer werteten, aber schon am nächsten Tag wurde das nächste Allzeithoch erreicht.  Da Facebook den Großteil des Kaufpreises mit seinen derzeit sehr hoch bewerteten Aktien gezahlt hat, erscheint der Deal in dieser Phase extrem hoher Preise für Web-Unternehmen aber durchaus gerechtfertigt. Zur Zeit gab es kein attraktiveres Ziel als WhatsApp; alle anderen großen Messaging-Dienste wie WeChat oder Line gehören größeren Internet-Firmen, die kein Interesse an einem Verkauf haben.

Facebook unterstreicht mit der Akquisition seine Bereitschaft, im mobilen Web zu den führenden Unternehmen zu gehören. Zwar hat das Unternehmen viele Nutzer, ist aber im Gegensatz zu den Rivalen Apple und Google „nur eine App“ auf dem Smartphone. Der Versuch, mit Facebook Home zu einer Art Betriebssystem zu werden, war im vergangenen Jahr gescheitert. Daher versucht Facebook nun, möglichst viele der beliebten Apps zu besitzen, also stärker eine Art Inhaltelieferant zu sein, während Apple und Google die Infrastruktur bereitstellen.

Die neuen Spielregeln im mobilen Internet

Der hohe Kaufpreis das Ergebnis der neuen ökonomischen Spielregeln im mobilen Internet, die mehr Übernahmen erfordern, die zudem teurer werden. Musste Facebook für den Fotodienst Instagram nur 1 Prozent seines damaligen Unternehmenswertes zahlen, waren es für WhatsApp schon rund 10 Prozent.

In der Welt der stationären Computer mit großen Bildschirmen reagierten die großen Internet-Firmen auf Trends, indem sie ihren Websites einfach eine neue Funktion zufügten. Platz genug war vorhanden und so entstanden die riesigen Plattformen wie Facebook oder Yahoo. Aber dieser Ansatz hat im Zeitalter der Smartphones ausgedient. Jetzt dominieren die Apps – und sie bringen für soziale Netzwerke einen fundamentalen Unterschied: Der „Gewinner bekommt alles“ Mechanismus, der Facebook so groß gemacht hat, funktioniert nicht mehr. Spezialisierte Anbieter wie WhatsApp, Instagram oder Snapchat bekommen auf den Smartphones plötzlich die Chance, in ähnliche Größenordnungen wie der Platzhirsch vorzustoßen. Denn das Netzwerk an Freunden, mit denen täglich kommuniziert wird, ist auf Smartphones viel kleiner und persönlicher, hat nichts mehr mit den oft unzähligen Facebook-Bekanntschaften zu tun. Selbst wenn der Marktführer eine spezialisierte App auf den Markt bringt, wie es Facebook mit seinem „Messenger“ getan hat, gibt es für die Nutzer keinen Automatismus, diese auch einzusetzen. Der Markt ist also für alle offen.

Diese Lücke hat WhatsApp als Erster erkannt und genutzt. Doch weitere Übernahmen werden folgen. Denn mit jedem verkauften Smartphone oder Tablet steigen die Chancen für junge Unternehmen, mit einer guten App-Idee schnell Millionen oder sogar Milliarden Nutzer zu gewinnen – und damit ähnlich hohe Bewertungen zu erhalten. “Whats­App ist auf dem Weg, eine Mil­li­arde Nut­zer zu errei­chen”, nannte Zucker­berg denn auch als Grund für den hohen Preis. Diese Marke haben bisher nur Facebook und Google erreicht. WhatsApp ist auf dem Weg, die Nummer drei in dieser Champions League zu werden. „In zehn Jahren werden wir keine E-Mails mehr verschicken, sondern nur noch über Messenger Dienste kommunizieren. Spätestens dann wir der letzte Zweifler den Kauf als Geniestreich bezeichnen“, erwartet Daniel Kröger, der sich für Acatis Investment mit Internetwerten beschäftigt. Google und Facebook werden auch künftig versuchen, ihre Ausnahmestellung zu halten und wohl noch häufiger gezwungen sein, Newcomer auf dem Weg zur Milliarde vom Markt zu kaufen. Mit ihren sprudelnden Gewinnen und Aktienkursen, die stets neue Allzeithochs erreichen, haben sie alle Möglichkeiten dazu.

„No Ads, No Games, No Gimmicks“

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Besonders spannend dürfte nun sein, wie WhatsApp sein Geschäftsmodell mit Facebook abstimmt. In der Telefonkonferenz sagte Koum, WhatsApp werde „unabhängig und autonom“ weitergeführt. Denn bisher fährt WhatsApp einen radikal anderen Ansatz, wie Koum im FOCUS-Interview erläuterte: „Unser Modell basiert ja eben nicht darauf, möglichst viel über unsere Nutzer zu wissen und Daten zu sammeln. Wir kennen nur seine Telefonnummer. Aber wir speichern die Nachrichten nicht. Wir kennen weder die Namen unserer Nutzer noch ihr Alter, ihr Geschlecht oder ihre Adresse. Wir wissen nicht, wie sie ihr Geld ausgeben, wo sie wohnen oder was sie essen. Das interessiert uns auch alles nicht. Wir wollen so wenig wissen wie möglich“, sagte Koum, an dessen Schreibtisch ein Zettel mit dem Motto klebt: „No Ads, No Games, No Gimmicks“, unterschrieben von seinem Mitgründer Brian Acton. Interessant dürfte werden, ob die Nutzer auch einem Facebook-Unternehmen glauben, keinerlei Daten zu speichern und auszuwerten. WhatsApp ausschließlich darauf, für den Dienst bezahlt zu werden. Das Unternehmen erhebt bisher einen Dollar je Nutzer im Jahr, was ausgereicht hat, die 55 Mitarbeiter zu bezahlen.

Auch Zuckerberg will das Erfolgsmodell wohl beibehalten: „Ich denke nicht, dass Werbung der richtige Weg ist, um Messaging-Systeme zu monetarisieren“. Koum hatte sich bisher vehement gegen Werbung ausgesprochen. „Wir wollen die Unterhaltungen der Menschen nicht mit Werbung stören. Und unsere Nutzer zahlen gerne, weil sie merken, dass unser Produkt für sie gebaut ist – und nicht für die Werbekunden. Viele Nutzer wandern ab, wenn ein Dienst Werbung einführt. Diesen Fehler werden wir nicht machen“, sagte Koum.

Den größten Deal hat aber der Risikokapitalgeber Sequoia gemacht, der insgesamt wohl 60 Millionen Dollar  in WhatsApp investiert hat und nun 3 Mrd. Dollar zurückbekommt.. Hier sind die vier Zahlen, die Sequoia zur Begründung des Deals nennt.

Foto: DLD

Weitere Infos zum Plattform-Index finden Sie unter www.plattform-index.com
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