„Chinas Roboter und Googles Software sind eine gefährliche Konstellation für Deutschland“

Fraunhofer-Forscher Thomas Bauernhansl appelliert an die deutsche Industrie, das Plattform-Modell schnell auf das Internet der Dinge zu übertragen. Nur wer groß denkt, kann gegen Amerikaner und Chinesen im Wettbewerb um die Industrie 4.0 bestehen. Egal wer gewinnt: Viele Menschen werden ihre alten Jobs verlieren.

Thomas Bauernhansl ist Professor für Produktionstechnik und Fabrikbetrieb und einer der profiliertesten Köpfe in der Debatte um die Digitalisierung der Wirtschaft. Er leitet das Institut für Industrielle Fertigung und Fabrikbetrieb der Universität Stuttgart und das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA.

Wir sprechen viel über Industrie 4.0 und Deutschlands Position im globalen Wettbewerb. Können wir unseren Vorsprung in Kernindustrien wie Automobil oder Maschinenbau auch in einer digitalisieren Wirtschaftswelt halten?

Bauernhansl: In Sachen Industrie 4.0 steht Deutschland schon lange auf dem Platz, aber die Amerikaner sind noch in der Umkleidekabine. Aber: Mit „Big Data“ kann man Erfahrung ersetzen. Die Amerikaner könnten mit ihrem Ansatz den Vorsprung der Deutschland durchaus aufholen.

Und was ist mit den Chinesen? Die haben das Thema auch für sich entdeckt.

Bauernhansl: China ist inzwischen der größte Roboter-Markt der Welt. Die Entwicklung wird vom Staat stark getrieben. Das Ergebnis könnte sein, dass China günstige Roboter baut, und die USA, also zum Beispiel Google, die passende Software zum Betrieb der Roboter liefert. Das wäre eine gefährliche Konstellation für Deutschland. Nun sind Roboter nicht so leicht zu steuern wie Smartphones. Etwa 2020 werden wir sehen, ob Google oder andere US-Firmen in der Lage sind, auch das dominante Betriebssystem und entsprechende Plattformen für Roboter zu bauen.

Wie könnte Deutschland diesen Wettbewerb gewinnen?

Bauernhansl: Deutschen Firmen haben diese Entwicklung im Blick und sind ebenfalls in diese Richtung unterwegs. Ziel ist es, das Plattform-Modell auch auf die Industrie zu übertragen. Dafür reichen 20000 Industriekunden eines einzelnen Unternehmens allerdings nicht aus. Die Industrie darf diese Plattform nicht aus Sicht der von ihnen entwickelten Technik, sondern muss sie aus Sicht der Kunden bauen. Die Kunden haben keine Lust, für jede Maschine eine eigene Software-Plattform zu nutzen. Daher muss der Plattform-Betreiber mit möglichst vielen Herstellern zusammenarbeiten, um das Ökosystem möglichst groß zu machen. Wenn dann der „Lock-In“- Effekt eintritt, der den Nutzen über die Wechselkosten stellt, hat man das Spiel gewonnen. Deutsche Unternehmen sollten also versuchen, Betreiber dieser Plattformen zu werden. Sie sollten offen, gerecht und attraktiv sein, damit sich die Unternehmen dort anschließen können. Nur so funktioniert es. Sicherheit und Vertrauen sind dabei Trümpfe, die Deutschland ausspielen sollte.

Produkte aus Sicht des Kunden zu bauen ist aber nicht gerade eine Stärke deutscher Ingenieurskunst. Wie hoch sind die Chancen?

Bauernhansl: Deutschland sollte nicht mehr nur an die Technologie denken, sondern zuerst an das Geschäftsmodell. Die Amerikaner machen das schon lange und sind im Consumer-Internet damit sehr erfolgreich gewesen. Alles wird zum Service – und das bedeutet eine Umstellung vieler Geschäftsmodelle, der zum Beispiel auch der klassische SAP-Berater zum Opfer fallen wird. Die US-Konzerne wie Google oder Amazon versuchen natürlich, ihre dominante Position im Consumer-Internet auf das Internet der Dinge zu übertragen. Deutsche Unternehmen wie Siemens, Bosch oder die Telekom halten dagegen und versuchen selbst, die wettbewerbsfähige Plattformen zu etablieren. Ich hoffe inständig, dass die erfolgreichsten Plattformen für das Internet der Dinge aus Deutschland kommen werden.

Die anstehende Digitalisierung der Wirtschaft wird Spuren am Arbeitsmarkt hinterlassen. Schätzungen gehen von 18 Millionen gefährdeten Jobs in Deutschland aus. Was wird in den Fabriken passieren?

Bauernhansl: Bei den „Blue-Collar-Workern“wird der normale Rationalisierungsprozess wie in der Vergangenheit weitergehen. 5 Prozent mehr Output bei gleicher Personalstärke oder eben gleicher Output mit 5 Prozent weniger Mitarbeitern pro Jahr. Ich erwarte dort aber keinen großen Sprung. Die Automatisierung durch die Roboter trifft hier natürlich die Niedrig-Qualifizierten zuerst. Was aber passieren wird: Die Roboter gleichen die Produktionskosten weltweit an. Die reinen Arbeitskostenvorteile verschwinden nach und nach. Dennoch erwarte ich keine umfangreiche Rückverlagerung der Produktion nach Deutschland, weil der Absatzmarkt über den Standort entscheidet. Deutsche Firmen produzieren dort, wo sie ihre Produkte verkaufen. Natürlich gibt es weiterhin Hotspots für die Entwicklung und Produktion besonders anspruchsvoller Produkte. Wir hoffen, möglichst viele dieser Hotspots in Deutschland zu halten.

Wie sieht es mit den Bürojobs aus?

Bauernhansl: Die Digitalisierung führt zu einer Rationalisierungswelle bei den „White-Collar-Jobs“, also den eher indirekten Tätigkeiten. Beim Übergang vom Vertrieb fertiger Produkte zum Servicemodell übernehmen die Kunden große Teile der Konfiguration selbst. So wie heute jeder sein Smartphone mit Apps individualisiert, werden künftig auch Industriebetriebe ihre Maschinen selbst an ihre Bedürfnisse anpassen. Dann werden viel weniger Verkäufer und klassische Verkaufsstellen benötigt. 50 Prozent aller Arbeitnehmer in diesen indirekten Bereichen werden betroffen sein und müssen sich neue Aufgaben suchen. Dazu zähle ich auch viele Controller, Einkäufer sowie Servicemitarbeiter.

Wen trifft es noch?

Bauernhansl: Viele Sachbearbeiter werden in ihrer Arbeit von Software-Systemen unterstützt. Aber auch diese Jobs können bald von der Software selbst übernommen werden. Heute arbeiten viele Menschen an den Schnittstellen heterogener IT-Systeme, übernehmen also händisch Daten von einemSoftwareprogramm in ein anderes. Diese Jobs werden ebenfalls in großer Zahl von Software ersetzt werden und wegfallen. In den Banken hat diese Rationalisierung schon lange eingesetzt; nun kommt auch der Vertrieb in den Filialen auf den Prüfstand, weil sich das nicht mehr rechnet. Abe res geht ja noch viel weiter. Die Hälfte der aktuellen Tätigkeiten von Hausärzte wird nicht mehr benötigt werden, wenn „Smart Health“ sich weiter verbreitet. Über Fitness-Tracker können die Menschen permanent Daten über ihren Gesundheitszustand erfassen. Mit Hilfe der Vernetzung der Daten und deren Auswertung mittels „Big Data“ können die Software-Lösungen auftretende Probleme vorhersagen und vorher Tipps geben, zum Beispiel zu sinnvollen Medikamenten und deren Dosierung oder auch zu Nahrungsergänzungen. Diese Art der Gesundheitsvorsorge sowie Diagnose und Therapie ist dann viel individueller als beim Hausarzt.

Weitere Informationen zum Thema Industrie 4.0 / Internet der Dinge:

Tweets von @industrie40_HS

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