Soziale Netzwerke überholen Zeitungen als Nachrichtenquellen in Deutschland

In der Rangliste der regelmäßig genutzten Nachrichtenquellen in Deutschland haben Facebook und Twitter erstmals die gedruckten Zeitungen überholt. Vorn liegt noch das Fernsehen, verliert aber bei jungen Menschen immer schneller an Bedeutung.

Soziale Netzwerke wie Facebook, Youtube, Twitter und seit heute die Xing-Brancheninsider  haben als regelmäßig genutzte Nachrichtenquellen der deutschen Internetnutzer in diesem Jahr erstmals die gedruckten Zeitungen überholt. Spannend ist vor allem die Dynamik: Innerhalb eines Jahres haben die Netzwerke 6 Prozentpunkte auf 31 Prozent zugelegt, während die Zeitungen 9 Punkte verloren haben und inzwischen nur noch von 29 Prozent der etwa 50 Millionen erwachsenen Onliner in Deutschland als Nachrichtenquelle genutzt wird. Auch wenn viele der Nachrichten in den Netzwerken von den klassischen Medien stammen, werden sie als Marke dort immer weniger wahrgenommenZu diesem Ergebnis kommt der Reuters Digital News Report, für den in Deutschland etwa 2000 Internet-Nutzer über 18 Jahre repräsentativ befragt wurden und dessen deutsche Ergebnisse das Hans-Bredow-Institut aufbereitet (PDF).

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72 Prozent der Erwachsenen nutzen weiterhin das Fernsehen als regelmäßige Nachrichtenquelle, auch wenn der Wert in der Gruppe junger Menschen zwischen 18 und 24 Jahren seit dem vergangenen Jahr deutlich gesunken ist. Dieser Verlust spiegelt sich auch in der Frage nach der Haupt-Nachrichtenquelle, bei der sich das Fernsehen bei den Älteren gut behauptet, aber in der Gruppe der 18-24-Jährigen innerhalb eines Jahres etwa 10 Prozent an das Netz verloren hat.  Leichte Verluste muss das Radio hinnehmen, das aber noch an zweiter Stelle liegt.

Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn die Anbietertypen betrachtet werden, also Quellen unabhängig vom Kanal betrachtet werden. Fernsehen, egal of klassisch oder im Netz konsumiert, verliert als Nachrichtenquelle bei jungen Menschen bis 24 Jahre ebenso stark wie die Zeitungen. Insgesamt geben sich also immer mehr Menschen mit den Nachrichten zufrieden, die ihnen der Facebook-Algorithmus vorsetzt. Die Gefahr der „Filter-Bubble“, die Menschen überwiegend Nachrichten vorsetzt, die ihrer eigenen Meinung entsprechen und eine entsprechend hohe Wahrscheinlichkeit der Interaktion aufweist, nimmt also weiter zu. Die Entwicklung  zum journalistischen Fast-Food ist gut für Facebook, aber schlecht für die Medien und noch schlechter für die Meinungsbildung. (Lesenswert auch dazu: „Who owns the news consumer?„)

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Je jünger die Menschen, desto geringer ist das Interesse an Nachrichten

Insgesamt scheint das Interesse an Nachrichten in der Gesamtbevölkerung zu sinken.  Sind in der Gruppe 55+ noch 81 Prozent der Menschen sehr stark an Nachrichten interessiert, beträgt der Wert in der Altersgruppe zwischen 18 und 24 Jahren nur noch 54 Prozent. Im Vorjahr waren es 67 Prozent.

Ein solch ausgeprägtes Interesse dürfte aber eine Voraussetzung sein, um zahlungsbereit für ein Abonnement zu sein. Was natürlich noch nicht heißt, dass die Menschen dann auch tatsächlich ein Abo abgeschlossen haben. Die Frage, ob sie in der vergangenen Woche eine gedruckte Zeitung gekauft haben, antworteten 60 Prozent der 55+ Gruppe mit Ja, aber nur 27 Prozent unter den 18-24-Jährigen. Dem deutlichen Abfall der Zahlungsbereitschaft für gedruckte Nachrichten steht nur eine leicht erhöhte Nachfrage nach zahlungspflichtigen Online-Nachrichten gegenüber: 11 Prozent der jungen Menschen und 6 Prozent der Älteren haben im vergangenen Jahr einen digitalen Nachrichteninhalt oder eine App gekauft.

Lokale, internationale und politische Nachrichten erhalten in allen betrachteten Altersgruppen das größte Interesse, auch wenn die jungen Menschen insgesamt deutlich weniger Aufmerksamkeit für diese harten Nachrichten aufbringen. Überproportional zum Rest der Bevölkerung interessieren sie sich für Lifestyle, Unterhaltung, Promis und vergleichsweise stark auch für Wissenschaft und Technologie, hat die Umfrage ergeben.

Die Zahlen zu sozialen Medien als wichtiger werdende Nachrichtenquelle sollten vor dem Hintergrund der Bildung der Social-Media-Nutzer betrachtet werden. In fast allen Ländern sind die Menschen mit hoher formaler Bildung in den sozialen Medien überrepräsentiert. Nur die Elite in Deutschland ist sich offenbar zu fein, auf Facebook oder Twitter mitzudiskutieren, wie OECD-Daten zeigen.

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