Der digitale Graben auf dem Arbeitsmarkt wird tiefer

Vier von fünf Menschen in Deutschland fühlen sich bereits heute vom technischen Fortschritt abgehängt. Und 58 Prozent erwarten, dass Digitalisierung in der Summe mehr Jobs vernichtet als schafft. Das sind denkbar schlechte Voraussetzungen für eine erfolgreiche digitale Transformation. Die Lösung für das Problem liegt in den Händen der Führungskräfte.

Anspruchsvolle Jobs in hippen Büros oder im Home Office gehören für die digitale Elite zu den angenehmen Seiten der Digitalisierung. Auf der weniger schönen Seite stehen für viele „normale“ Arbeitnehmer mehr Stress, Arbeitsverdichtung, wegfallende Ruhephasen und Angst vor dem Jobverlust: Vier von fünf Menschen in Deutschland fürchten, vom technischen Fortschritt abgehängt zu werden. 58 Prozent erwarten, dass Digitalisierung mehr Jobs vernichtet als schafft. Und 47 Prozent der Unternehmen in Deutschland haben mit ihrer digitalen Transformation zwar den Umsatz erhöht, aber nur 22 Prozent konnten dabei auch die Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter steigern. Gerade für die bevorstehende zweite Welle der Transformation, in der deutsche Kernbranchen wie Automobil, Logistik und Maschinenbau digitalisieren, ist mehr Begeisterung nötig. Erst das Wissen über digitale Geschäftsmodelle, die mehr Wachstum und Wohlstand bringen, kann zu dieser Begeisterung führen. Der deutsche Weg, vorwiegend auf digitale Effizienzgewinne zu setzen, hat den notwendigen „digitalen Ruck“ unter den Menschen bisher nicht ausgelöst. Wird auch nicht mehr passieren. Wir müssen umdenken.

Diese Lücke hat ihre Ursache im Bildungsniveau: Die Kluft zwischen dem tatsächlichen Digitalniveau der Arbeitnehmer und den Anforderungen, die der technische Fortschritt an die Arbeitskräfte stellt, wird größer. Zwar wachsen die Digitalkenntnisse der meisten Arbeitskräfte weiter, aber meist „nur“ in einem linearen Tempo, während der technische Fortschritt, zum Beispiel auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz, exponentiell beschleunigt. Das Ergebnis ist ein schnell wachsender Nachfrageüberhang an Digitalspezialisten, der sich inzwischen zu einer veritablen Wachstumsbremse entwickelt hat. Der Digitale Job-Monitor, den ich jedes Quartal für das Handelsblatt berechne, zeigt seit Anfang 2016 einen Anstieg der ausgeschriebenen Stellen für Digitalexperten um etwa 50 Prozent. Besonders in den Feldern künstliche Intelligenz, 3D-Druck, Digital Finance und Robotics wächst die Nachfrage viel schneller als das Angebot. Digitalisierung ist also per se kein Job-Killer, wird aber den Arbeitsmarkt gehörig durcheinanderwirbeln. Qualifikationen entwerten sich schneller als je zuvor; die Notwendigkeit, Neues zu lernen, ist so hoch wie nie.

Da der Arbeitsmarkt die Digitalköpfe für die bevorstehende digitale Transformation nicht hergibt, intensivieren viele Unternehmen inzwischen die digitale Weiterbildung ihrer Mitarbeiter, wofür Audis Kooperation mit Udacity auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz ein schönes Beispiel ist. Doch meist wissen die Führungskräfte selbst noch nicht, wohin die Reise ins Digitale geht. Überall im Land sitzen daher die Entscheider heute wieder auf den Schulbänken, tauschen Anzüge gegen Jeans und lassen sich per „digitaler Druckbetankung“ fit machen. Mit fortschreitender Digitalisierung wächst nämlich auch unter den Führungskräften die Unsicherheit, was die vielen neuen Technologien (Blockchain, künstliche Intelligenz, IOT…) für ihre Unternehmen bedeuten. Vor allem das Wissen über künftige digitale Geschäftsmodelle wie Smart Services und Plattform-Strategien, die über das zu kurz greifende, rein auf Effizienz ausgerichtete Industrie-4.0-Konzept hinausgehen, ist noch unterentwickelt. Insofern besteht der Lernbedarf in allen Hierarchieebenen, sollte aber zuerst an der Spitze des Unternehmens gedeckt werden.

Digitalisierung ist mehr als Automatisierung

Doch wie real ist die Angst vor einem Jobverlust in der digitalen Welt? Rein technisch gesehen ist die Angst sehr berechtigt. Etwa die Hälfte aller Berufstätigkeiten weltweit lassen sich heute automatisieren, hat McKinsey errechnet.Dabei fallen in erster Linie gar nicht unbedingt die einfachen Jobs weg. Eine OECD-Untersuchung zeigt, dass mit der Industrialisierung und Digitalisierung vor allem die Mittelschicht wegbricht. In allen betrachteten Industrieländern ist der Anteil der Jobs mit hoher und mit niedriger Qualifikation gestiegen, während die Mittelschicht überall auf dem Rückzug ist. Es kommt entscheidend auf Bildung an, ob es nach oben oder unten geht.

Vielfach können Menschen den Wettbewerb gegen die Maschinen gar nicht gewinnen. In den USA nähen inzwischen Roboter ein komplettes T-Shirt für einen chinesischen Auftragsfertiger in 22 Sekunden für umgerechnet 0,30 Euro das Stück. Um die Produktion im Lande zu halten, investiert kein Land stärker in Industrieroboter als China. Doch simple Automatisierung greift zu kurz. Die Digitalisierung der Industrie geht darüber hinaus. Einer der weltweit schlauesten KI-Köpfe, Andrew Ng, implementiert gerade künstliche Intelligenz im Maschinenbau und startet dabei mit Foxconn, dem chinesischen iPhone-Fertiger. Sein Ziel: Künstliche Intelligenz, die bereits die Arbeitsweise der Digitalkonzerne wesentlich verbessert hat, auch zum Wohle der Industrie zu nutzen. Nicht wenige Experten glauben, dass künstliche Intelligenz als „Basistechnologie des 21. Jahrhunderts“ die globalen Kräfteverhältnisse auch in dieser Industrie umdrehen kann.

An dieser Stelle sollte auch dem letzten deutschen Maschinenbauer bewusstwerden, warum Investitionen in die Digitalfähigkeiten der Mitarbeiter essentiell für seine langfristige Wettbewerbsfähigkeit sind und weswegen die Nachfrage nach KI-Experten so schnell wächst. Ergänzende „Smart Services“, die weit über das eigentliche Produkt hinausgehen, können vor allem den Maschinenbauern mehr als Kleingeld bringen. Genauso wie die Plattform-Ökonomie, die viele Entscheider noch als B2C-Phänomen abtun, ohne zu merken, wie sich dieses höchst erfolgreiche Geschäftsmodell auch in der B2B-Welt nutzen lässt. Der Plattform-Layer entwickelt sich gerade zu einem parallelen Wirtschaftssystem, das immer größere Teile der Wertschöpfung übernimmt. Die Plattformen wickeln immer mehr Transaktionen ab und ziehen damit die Margen wie Staubsauger aus den Märkten ab. Hochgerechnet betrug Deutschlands „digitales Handelsdefizit“ im Jahr 2016 schon etwa 25 Milliarden Euro, allein in den Konsumentenmärkten. Plattformen wie Flexport in der Logistik versuchen nun, diesen Erfolg in den B2B-Märkten zu wiederholen.

Auf die digitalen Geschäftsmodelle kommt es an

Wer sich die Unterschiede zwischen erfolgreichen und gescheiterten Digitalisierungsprojekten anschaut, erkennt schnell „Digital Leadership“ als einen zentralen Unterschied. Eine klare Strategie und so etwas wie Begeisterung für digitale Transformation an der Unternehmensspitze ist zwingend nötig, um die Mitarbeiter auf die Reise mitzunehmen. Ein CEO/CDO, der nicht erkennbar und glaubwürdig vermitteln kann, dass Digitalisierung ein Wachstumsprojekt ist, von dem alle Beteiligten profitieren, wird scheitern. Denn niemand wird mehr Arbeit, höheren Stress, mehr Verdichtung oder sogar weniger Jobs mit Freude angehen, wenn am Ende kein höheres Ziel erkennbar ist. Das Ziel sollte auch mehr als „Industrie 4.0“ enthalten, denn eine höhere Effizienz ist selten mit Freude an der Arbeit verbunden. Nur 19 Prozent der Menschen in Deutschland finden den Begriff „Industrie 4.0“ sympathisch. Wer legt sich dafür ins Zeug? Entscheidend ist also das Wissen über neue Geschäftsmodelle, um eine glaubhafte Wachstumsstory aufbauen zu können – und nicht nur eine Effizienzstory.

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