Digitalisierung als Turbo für Deutschland

Unternehmen mit hohem Digitalisierungsgrad überstehen Wirtschaftskrisen nicht nur besser, sondern kommen auch gestärkt daraus hervor. Für deutsche Unternehmen ist Corona die Gelegenheit, ihre digitalen Versäumnisse nachzuholen – und zum Sprung in die Digitalisierung anzusetzen.

Hochdigitalisierte Unternehmen werden von einer Wirtschaftskrise weniger getroffen – und sie kommen schneller und stärker aus der Krise heraus. „Wie in der Finanzkrise 2008/2009 ist auch bei der Corona-Krise zu erwarten, dass hochdigitalisierte Unternehmen diese besser überstehen werden als wenig digitalisierte. Unternehmen tun also gut daran, digital aufzurüsten“, rät ZEW-Forscherin Irene Bertschek. Die Corona-Krise verdeutliche den Aufholbedarf in Deutschland und erzwinge manch längst überfälligen Schritt zu digitalisieren, erwartet die Wissenschaftlerin. Wer seine Digitalprojekte nun einspart, fällt gegenüber die digitalen Innovatoren, die im Investitionsmodus bleiben, noch schneller zurück als bisher.

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Mit Digitalisierung aus der Krise: Unser Talk am 9.6.

Schon in der Finanzkrise 2008/2009 hätten sich Niveau und Wachstum der Arbeitsproduktivität bei hochdigitalisierten Unternehmen kaum verringert, während sie bei gering digitalisierten Unternehmen stark zurückgingen. Gleichzeitig konnten höher digitali­sierte Unternehmen ihre relative Innovationsfähigkeit durch die Einführung von Prozessinnovationen verbessern, hat Bertschek in einer empirischen Studie herausgefunden. Vieles spricht dafür, dass es in der Corona-Krise ähnlich läuft. „Je digitaler die Industrieunternehmen aufgestellt sind, desto schneller werden sie sich von den Folgen des Shutdowns erholen“, erwartet auch Bitkom-Präsident Achim Berg.

Digitalisierung in Hochgeschwindigkeit

Die Gründe für Digitalisierung als Weg aus der Krise sind in der Corona-Krise besonders stark, denn viele Interaktionen wurden in den vergangenen Monaten auf digitale Prozesse umgestellt – und werden wahrscheinlich dauerhaft so bleiben:

  • Die Menschen in Deutschland haben im Shutdown mehr digitale Services genutzt und auch deutlich mehr digitale Kanäle zu Unternehmen in Anspruch genommen, zeigt eine Befragung von McKinsey. Drei Viertel der Menschen wollen diese Verhaltensänderung auch beibehalten – nachdem sie nun gesehen haben, wie bequem, einfach und (fast immer auch) sicher die digitalen Wege sind.90 Prozent der Erstnutzer digitaler Kanäle zu Unternehmen zeigten sich mit der digitalen Leistungsfähigkeit der Unternehmen zufrieden oder sehr zufrieden. Besonders Banken, Unterhaltungsangebote und Modefirmen erhielten gute Noten von den Erstnutzern. Lediglich die Lebensmittellieferanten erhielten Abzüge wegen der teilweise längeren Lieferzeiten aufgrund des unerwarteten Kundenansturms. Insgesamt ist das Fazit der digitalen Neulinge aber sehr gut und wird für viele Unternehmen ein Leapfrogging in ihrer Digitalentwicklung bedeuten.
  • Wirtschaftskrisen führten schon in der Vergangenheit zu einem Anstieg der Automatisierung, da die Produktivität erhöht und der Produktionsanstieg nach dem Ende der Krise mit einer reduzierten Belegschaft geschultert werden musste. „Wir erwarten nicht, dass die Nachwirkungen dieser Rezession anders ausfallen werden. Zusätzlich hat sich der strategische Wert der Automatisierung erhöht“, sagt Forrester-Analyst Leslie Joseph: Automatisierung diene aktuell nicht nur der Kostensenkung, sondern sei auch ein Instrument zur Risikominderung und zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit der Unternehmen. „COVID-19 hat Automatisierung zu einer zwingenden Notwendigkeit in der Führungsetage gemacht“, sagte Joseph. Der wiederaufgeflammte Streit zwischen den USA und China erhöht die Motivation, systemrelevante Produktion wieder nach Europa zurückzuholen, was rentabel nur in weitgehend autonom arbeitenden digitalen Fabriken möglich ist. Das findet übrigens auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier: „Wir können sensible Produktion nur noch Deutschland zurückverlagern, wenn wir die Arbeitskosten begrenzen. Dafür brauchen wir vollautomatische Maschinen, um auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig zu sein“, sagte Altmaier beim politischen Abend des Bitkom.
  • Je höher der Anteil der Beschäftigten, die von ihren Arbeitgebern mit mobilen Endgeräten ausgestattet werden und damit Zugang zum Internet haben, umso höher ist die Arbeitsproduktivität der Unternehmen, hat eine ZEW-Studie schon 2016 gezeigt. Diese Unternehmen, vor allem unternehmensnahe Dienstleister, können ihre Vorteile in der Corona-Krise voll ausspielen und aus dem Home Office ohne höhere Setup-Kosten direkt weiterarbeiten.
  • Hoch digitalisierte Soloselbstständige zeigen sich aktuell deutlich krisenresistenter und leiden seltener unter negativen Konsequenzen der Pandemie, hat Bertschek gerade mit einer Befragung unter 16.000 Soloselbständigen in Deutschland herausgefunden. Im Shutdown konnte etwa drei Viertel der Soloselbstständigen mit einem sehr niedrigen Digitalisierungsgrad ihres Angebots ihre Tätigkeit nicht mehr auszuüben. Unter den sehr hoch digitalisierten Soloselbstständigen waren es dagegen nur 28 Prozent. Als eine Folge der Krise habe etwa jeder dritte Befragte seine Digitalisierung vorangetrieben.  Besonders hervorzuheben seien die Bereiche Training und Schule, Gesundheit, Soziale Arbeit sowie stationärer Handel. „Der Digitalisierungsschub ist tendenziell stärker ausgefallen bei Soloselbstständigen, die weiblich oder vergleichsweise jung sind, die im Homeoffice arbeiten oder einen Hochschulabschluss haben“, sagt ZEW-Wissenschaftler Daniel Erdsiek. Allerdings hängt die Betroffenheit natürlich auch von der Tätigkeit ab.

„Künstliche Intelligenz als epochale Technologie“

Um die Digitalisierung ernsthaft voranzutreiben, reichen Video-Konferenzen und Collaboration-Software allerdings nicht. Als Schlüsseltechnologien für Digitalisierung und Automatisierung in der Industrie gelten Künstliche Intelligenz und die nächste Mobilfunkgeneration 5G, hat eine aktuelle Studie des Bitkom herausgefunden. Zu den wichtigsten Vorteilen der KI in der Industrie zählen die Unternehmen neben der vorausschauenden Wartung (43 Prozent) eine Steigerung der Produktivität (41 Prozent) sowie die Optimierung von Produktions- und Fertigungsprozessen (39 Prozent). Mehr als jedes zweite Industrieunternehmen (58 Prozent) sieht in KI disruptives Potenzial, hält es also für wahrscheinlich, dass Geschäftsmodelle dadurch nachhaltig und tiefgreifend verändert werden. „KI ist eine epochale Technologie, die die Weltwirtschaft und gerade auch die Industrie revolutionieren wird“, sagt Berg. Noch zögern aber viele Unternehmen, diese neue Epoche in ihren Fabriken zu eröffnen. Denn bisher setzen erst 14 Prozent der deutschen Industrieunternehmen Künstliche Intelligenz ein, obwohl schon fast ein Jahrzehnt über Industrie 4.0 hierzulande diskutiert wird.

„5G als Nervensystem der Industrie 4.0“

5G gilt als zweiter Eckpfeiler der Digitalisierung, „5G ermöglicht Datenübertragungen in Echtzeit, eine höhere Netzwerk-Kapazität und eine quasi unbegrenzte Zahl an Menschen und Geräten, die miteinander in Echtzeit kommunizieren können – eine Voraussetzung für autonomes Fahren oder die Kommunikation zwischen Maschinen ohne Kabel. 5G bildet das Nervensystem der Industrie 4.0“, betont Berg. Auch auf diesem Gebiet liegt Deutschland nicht in der Weltspitze und sollte Tempo aufnehmen. Asiatische Länder wie Südkorea oder die USA werden in den kommenden Jahren eine deutlich höhere Anschlussrate erreichen, erwartet die Branchenorganisation GSMA.

Bedeutung 5G für IndustrieAls eine Ursache gilt die Versteigerung der 5G-Frequenzen, die 6,5 Milliarden Euro aus den Kassen der Netzbetreiber in den Staatshaushalt Deutschlands verschoben haben – Geld, das nun für den schnellen Ausbau der Netze fehlt. „Statt mit teuren Auktionen Geld aus dem Markt zu ziehen, muss es darum gehen, Investitionen in den Ausbau der Netze attraktiver zu machen“, kritisierte BDI-Präsident Dieter Kempf die Wiederholung des Fehlers, den die Bundesregierung schon im Jahr 2000 mit der Versteigerung der UMS-Frequenzen für fast 50 Milliarden Euro begangen hat.

„Die Geschäftsmodelle der Zukunft sind ausschließlich digital“

Nun sind auch digitale Technologien nur Mittel zum Zweck – und am Ende entscheidet das Geschäftsmodell über den Erfolg. Gerade an dieser Stelle sollten die Unternehmen jetzt Mut beweisen, digitale Modelle einzuführen. „Wir sehen ganz deutlich, dass die eigentliche Revolution von Industrie 4.0 nicht in der Produktion, sondern bei den Geschäftsmodellen stattfindet. Daher sollte jedes Unternehmen sein Geschäftsmodell auf den digitalen Prüfstand stellen.Wenn die Produktion mit Abbau der Corona-Beschränkungen nun langsam wieder hochgefahren wird, gilt einmal mehr, das eigene Geschäft auf den Prüfstand zu stellen: 

Die Geschäftsmodelle der Zukunft sind ausschließlich digital“, sagt Bitkom-Präsident Berg. Auch für Peter Altmaier liegt hier ein Schlüssel für Deutschlands digitale Zukunft: „Ich bin fest davon überzeugt, dass der Rollout von Industrie 4.0 die weltweiten Wettbewerbsbedingungen verschieben wird. Die Claims werden neu abgesteckt.“

Allerdings stehen viele Digitalprojekte aktuell in vielen Unternehmen angesichts des Kostendrucks erst einmal auf dem Prüfstand. Das digitale Innovationstheater der vergangenen Jahre hat (zu) oft wenig neues Geschäft gebracht. An dieser Stelle aber nun den Rotstift anzusetzen und die Digitalisierung zurückzudrehen, würde aber nur den digitalen Angreifern aus den USA oder Asien in die Hände spielen. Für ZEIT Online habe ich mal aufgeschrieben, wie die goßen Plattform-Unternehmen die Krise nutzen, um ihre Position weiter auszubauen.

Wie Deutschland den digitalen Schwung aus der Corona-Krise jetzt fortsetzen kann, war Thema des Politischen Abends mit BM Peter Altmaier (Video).

Aus Sicht des Bitkom sind folgende digitale Initiativen jetzt sinnvoll:

  • Infrastrukturboost: Vor allem die langen Genehmigungsverfahren für 5G/Glasfaser bremsen den dringend notwendigen Ausbau.
  • Offensive Schultransformation: Das Geld ist vorhanden, aber die Schulen rufen die Mittel bisher kaum ab, um sich digital zu transformieren.
  • Digitale Verwaltung: Hier ist Deutschland in der digitalen Steinzeit (O-Ton Altmaier)
  • Home Office: Keine gesetzliche Garantie, aber Investitionen ins Home Office sollten steuerlich absetzbar sein.
  • Arbeitszeitregelung lockern, um den Menschen mehr Flexibilität zu geben. „Kein Gesetz wird so oft gebrochen. Ich bringe doch lieber meine Kinder ins Bett und setze mich dann am späten Abend noch mal an den Schreibtisch“ (Berg)
  • Digitalisierung des Mittelstands: Digitalgutscheine für die Digitalisierung eines analogen Prozesses.

Wie Deutschland mit Hilfe der Digitalisierung aus der Krise kommen kann, diskutiere ich am 9. Juni mit Telefónica-CFO Markus Rolle. Zur Anmeldung zum kostenlosen Online-Event ⇢ https://rb.gy/c5vg87

Weitere Literatur:

Foto: Telefónica

 

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